Mit ‘Rezension’ getaggte Beiträge

Na, wie wäre es einmal zur Abwechslung mit einem Trip rund um den Globus? Noch dazu, ohne dafür sein Köfferchen packen, ins Auto, in die Bahn oder gar ins Flugzeug steigen zu müssen. Wäre das nicht ein Deal? Für unseren Trip würde nämlich eine kleine gemütliche Leseecke schon genügen. Die gibt es doch sicher im Garten oder auf dem Balkon – mit einem bequemen Liegestuhl oder mit einer von der Lieblingsrose umrankten Bank, davor ein Tischchen, darauf ein Glas mit einem verlockend kühlen Getränk oder ersatzweise eine Tasse herrlich duftenden Kaffees oder ein Cappuccino mit einem Berg von leckerer Sahne. Wer sich auf Weltreise begibt, muss schließlich auch irgendwann die müden Geister wieder ein wenig aufwecken, damit das Abenteuer weitergehen kann. Und unser Abenteuer wird noch dazu ein ganz besonderes, ungewöhnliches werden. Da muss schon mal Energie nachgetankt werden.
Na, wie ist es? Alles parat? Die Sonne blinzelt auch ein wenig durch das Grün des Apfelbaums, unter dem unser Liegestuhl seinen Platz gefunden hat? Perfekt! Dann kann es also losgehen.

Vom Liegestuhl aus um die Welt

Um es gleich am Anfang zu sagen, unser Trip ist kein gewöhnlicher. Aber gewöhnlich kann schließlich jeder. Wir wollen die ganz große Welt erleben, wir wollen nicht nur hinein schnuppern in die Welt der Reichen und Schönen, wir wollen dort einen Platz finden und erleben, wie es ist, auf großem Fuße zu leben, nur zu genießen, ewig und immer auf Urlaub zu sein.
Tja, und um da hineinschnuppern zu können, brauchen wir natürlich Geld, denn ohne Geld geht da nichts, rein gar nichts. Da wir nun dummerweise für unser bisheriges normales und eher unaufgeregtes Leben Tag für Tag hart arbeiten mussten, dürfte unser Kleingeld wohl eher weniger für das große Leben von Welt reichen.

Aber ich weiß jetzt, wie es gehen könnte, denn ich habe gerade einen jungen Mann kennengelernt, an dessen Fersen wir uns gleich heften werden. Der scheint nämlich irgendwie den Dreh rauszuhaben, wie man zu genügend Kleingeld kommt, um sich unter die Reichen und Schönen mischen zu können. Ob uns seine Variante, durchs Leben zu gehen, gefallen wird? Folgen wir ihm doch ganz einfach auf seinem Weg durch sein etwas anderes  Leben und bilden uns dann ein Urteil darüber.

Aber zuvor klären wir vielleicht noch ein paar Fragen, damit wir am Ende auch richtig urteilen. Beginnen wir mit folgender Frage:
Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, ob es das mit dem Leben, so wie es bisher gelaufen ist, nun schon gewesen sein soll? Fehlt da nicht irgendwie noch etwas ganz Großes, ganz Besonderes? Sind da nicht immer noch Träume offen, die man gern erfüllt sehen würde, Träume, die sich fernab vom täglichen Einerlei, von Verpflichtungen und Verantwortung bewegen?
Also ich habe schon mehr als nur einmal von einem großen Lottogewinn geträumt, um endlich genau diese unerfüllten Träume schnell noch wahr werden zu lassen.
Und mal ehrlich, hat man nicht auch schon einmal im Geiste mit seiner besten Freundin oder seinem besten Kumpel eine Bank überfallen? Wie toll wäre es, den ganz großen Coup zu landen, nie wieder Geldsorgen zu haben und nie wieder von einem Arbeitgeber abhängig zu sein? Gibt es nicht immer wieder diese berühmten Beispiele, die besagen, dass der oder die Täter nie gefasst wurden?
Tja, und wer war nicht voll heimlicher Bewunderung für die Meisterdiebe in solchen Filmen wie „Über den Dächern von Nizza“ mit Carry Grant oder „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ mit Steve McQueen? Die Neuverfilmung des „Thomas Crown“ mit Pierce Brosnan, „Die Thomas Crown Affäre„, hat mich auch schwer begeistert. Okay, vielleicht hat ja auch der charmante Pierce Brosnan viel dazu beigetragen, dass ich Meisterdiebschwärmerin wurde.

Ja, diese schicken Diebe – intelligent, charmant, humorvoll und immer einen Tick klüger als die Polizei – konnten wohl nicht nur Frauen begeistern. Dieser junge Mann, den ich da gerade kennengelernt habe, der ist ebenfalls überaus begeistert von diesen cleveren, selbstsicheren und charmanten Gentleman-Dieben. Bei ihm allerdings bleibt es nicht beim Anhimmeln der locker und lässig daherkommenden Einbrecher von der Filmleinwand, er lässt Taten folgen, um genau dieses abenteuerliche Leben der filmischen Meisterdiebe zu seinem eigenen Leben zu machen. Wie es ihm letztendlich gelingt, habe ich erfahren, weil ich seinen Spuren ganz einfach gefolgt bin, und diese Spuren führten mich über den Roman „Ein Dieb – Bekenntnisse“ von Lucien DeLong zu ihm.
Na, Lust bekommen auf ein paar diebisch spannende Augenblicke? Also dann, den Liegestuhl noch einmal zurechtgerückt und los geht’s!

DeLong - Ein Dieb

Aber an wessen Fersen heften wir uns da eigentlich?

Diese Frage wollt Ihr sicher auch noch beantwortet haben. Man möchte ja schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat.

Das Leben unseres Romanhelden lief zunächst wie das Leben vieler anderer Menschen ab – Grundschule, Abitur, Wehrdienst, Lehre. 23jährig verdient er seinen Lebensunterhalt schließlich  in einem Reprostudio. Das Geld reicht gerade so zum Leben. Aber so, wie sein Leben läuft, findet er es stinklangweilig, öde und trist. Unvorstellbar für ihn, auf ewig so weiterleben zu müssen. Der Alltagstrott, wie er ihn auch von seinen Eltern und Freunden kennt, kann doch nicht das Leben sein. Sollte man es nicht in vollen Zügen auskosten, alles mitnehmen, was nur geht? Alles oder nichts?

Und so kommt ihm genau im richtigen Moment ein Zufall zu Hilfe, um aus diesem Nichts alles zu machen, aus diesem öden täglichen Einerlei auszubrechen. In einem Gespräch mit seinem besten Kumpel erfährt er so ganz nebenher, dass die Tageseinnahmen eines Einkaufszentrums abends jeweils von einer einzelnen weiblichen Person zu einem Nachttresor gebracht werden. Welche Gelegenheit! Ist es nicht genau das, wovon er schon immer geträumt hat – die Gelegenheit für den ganz großen Coup?

Was zunächst nur als Gedankenspiel abläuft, wird dann doch bitterer Ernst. Er überfällt die Geldbotin und eignet sich unerkannt die Tageseinnahmen des Einkaufszentrums an. Und weil es so perfekt geklappt hat, wiederholt er den Überfall ein Weilchen später – ebenfalls erfolgreich. Danach setzt er sich mit seinem neuen Reichtum nach Jamaika ab. Und so beginnt ein neues und aufregendes Leben für ihn, ein Leben, wie er es sich schon immer erträumt hat:

„Mein neues Leben begann! Nie werde ich dieses Glücksgefühl vergessen, dieses dicke fette Grinsen auf meinem Gesicht, mit dem ich, den Koffer in der Hand in die Sonne trat. Diesen jubelnden Schrei, den ich innerlich ausstieß, diesen Sprung, den ich tat. YES! Das Leben lag vor mir, war groß und wunderbar. Das Paradies war hier!“ (S. 15)

Einmal Paradies – immer Paradies?

Na, war doch ganz einfach bis hierher, oder? Geht’s noch paradiesischer, wenn man weiten Strand, Meer, Sonne und Palmen vor sich hat? Und das Geld stimmt auch, um aus dem neuen Leben einen ewigen und immerwährenden Feiertag zu machen. Urlaub ohne Ende. Was kann schöner sein?

Für eine gewisse Weile mag sich ein solches Leben toll, wundervoll und erfüllend anfühlen. Ob aber nicht auch daraus irgendwann wieder so etwas wie Normalität wird und dann alles wie zuvor ist? Nur an einem anderen Ort?

Unserem Aussteiger aus dem normalen Leben wird genau das bald klar, denn tatsächlich verliert sein neues Paradies ganz heimlich, still und leise für ihn den Reiz. Das Neue ist weg, das tägliche Einerlei macht sich wieder breit, wenn auch auf einer anderen Stufe der Lebensleiter. Ernüchterung folgt dem Hoch. Nach gerade mal drei Monaten auf Jamaika, in denen unser Romanheld das Leben in vollen Zügen genossen und das Geld mit vollen Händen ausgegeben hat, hängt ihm diese paradiesische Insel, dieses paradiesische Leben voller Partys, Sex und Alkohol, dieser Dauerurlaub zum Halse heraus. Deprimiert und unzufrieden mit sich und der Welt durchstreift er die Insel und  bekommt dabei eine Ahnung von dem, was einen Wunschtraum vom einem endlich wahr gewordenen Traum unterscheidet:

„Nicht immer ist der Traum ein Traum, wenn er wahr wird, und manchmal ist der Preis zu hoch. Mancher Traum bleibt besser dort, wo er entstand – im Kopf, und nur dort ist er wunderbar. Der Realität hält er nicht stand.

Im Kopf steht ein Traum nur für sich, die Realität und das Umfeld sind ausgeblendet. Doch im wahren Leben füllen Palmenwipfel und Sonnenaufgänge nicht den Tag. Der Traum ignoriert die Schlangen, die Menschen, die Unwetter und Unbill.“ (S. 23 f.)

Und er merkt auch bald, dass ihm trotz allen Geldes etwas fehlt. Er fühlt sich einsam und erfährt, dass das noble Leben in vornehmen Hotels, schicke Anzüge und tolle Autos auch nicht das allein Seligmachende sind.

Als nach einem halben Jahr dann auch nur noch die Hälfte des erbeuteten Geldes übrig ist, muss er sich darüber klar werden, wie es weitergehen soll. Ursprünglich hatte er geglaubt, mit einem einzigen großen Coup für den Rest des Lebens ausgesorgt zu haben. Weiter hatte er nie gedacht. Doch jetzt muss er darüber nachdenken, wie er sein Leben von dem Moment an gestalten soll, in dem das Geld aufgebraucht sein wird.

Wenn einem „normal“ nicht genug ist

In einem fremden Land das neu zu beginnen, vor dem unser Aussteiger aus seiner Heimat Deutschland geflohen ist, erscheint ihm undenkbar. Er will nach wie vor kein langweiliges normales Leben führen, keinem normalen Arbeitsalltag nachgehen. Es bleibt ihm eigentlich nur ein Weg übrig. Er wird als Dieb leben müssen. Und so findet er seine neue Bestimmung – in einem Leben als Dieb. Und dieser Dieb soll nach seiner Vorstellung zu einem Meisterdieb werden, ein Meisterdieb, wie ihn Cary Grant und Steve McQueen darstellten. Wie wundervoll aufregend würde dieses Leben werden?
Und da ohnehin die Geldvorräte irgendwie erneuert werden müssen, wird der nächste Diebstahl sogar zu einer Notwendigkeit. Nach diesem erneuten Coup muss unser Dieb Jamaika jedoch verlassen, denn gefasst werden möchte er natürlich auch dieses Mal nicht, und so beginnt sein Trip rund um den Globus.

Von Diebeszug zu Diebeszug wird er geschickter und cleverer, und das nötige Quentchen Glück ist ebenfalls immer an seiner Seite.
Während wir mit ihm von Nobelhotel zu Nobelhotel durch die Welt reisen, denn nur, wo Geld ist, kann man auch zu Geld kommen, lernen wir nicht nur etwas über das Handwerk unseres etwas anderen „Reisebegleiters“, wir lernen nebenher auch viele Orte und Landschaften rund um den Globus kennen. Wir verbringen interessante Tage auf Cuba, im Steuerparadies auf den Bahamas und reisen von dort aus weiter nach New York.
Wir wandeln in Havanna an kolonialen Prachtbauten, Festungen und Stadtpalästen vorüber und genießen die immer und überall gegenwärtige Musik. Wir staunen über den ungeheuren Luxus auf den Bahamas und verspüren die enorme Anspannung und Aufregung unseres Diebes beim Ausrauben diverser Zimmer in einem der teuren Luxushotels. In New York lernen wir schließlich, dass es den einen großen Coup wohl nicht gibt und dass auch Diebsein in Arbeit ausarten kann.

Während all dieser Reisen und Diebeszüge lernen wir gemeinsam mit unserem „Reiseführer“ auch viele Menschen kennen. Verwundert stellt er fest, dass auch der normale Alltag eines Menschen ungeheuer spannend sein kann. Nie hätte er das bis dahin für möglich gehalten. Hatte er doch sein eigenes „altes“ Leben als entsetzlich langweilig und öde empfunden. Er hatte ganz einfach von seinem eigenen tristen Leben auf das aller anderen geschlossen.

Während seiner Reisen, die ihm seine „Geschäfte“ immer wieder aufzwingen, begegnen ihm auch zwei Frauen, Frauen, an denen ihm erstmals wirklich etwas liegt. Doch lassen sein Wanderdasein, seine „Tätigkeit“ überhaupt eine ernsthafte Bindung zu? Ist sie nicht immer zum Scheitern verurteilt? Ihm wird schmerzhaft bewusst, dass er durch seinen „Beruf“ bedingt, als Einzelgänger durchs Leben läuft und wie schwierig es ist, ein ganzes Leben mit einer Lüge leben zu müssen.

Lesevergnügen? Oder eher nicht?

Ob unser Romanheld doch noch die berühmte Kurve zurück ins normale Leben kriegt? Oder wird er tatsächlich zu DEM Meisterdieb, wie es ihm die großen Filmhelden vorgemacht haben? Wie wär’s, wenn Ihr das selbst herausfindet? Ich schleiche mich jetzt ganz heimlich aus meinem Liegestuhl fort und lass Euch allein mit Euren Gedanken über den ganz großen Coup.

Aber bevor ich mich durch mein bücherstaubiges Türchen für heute davonmache, sollt Ihr schnell noch erfahren, wie mir diese abenteuerliche Reise im Schatten eines Diebes gefallen hat.

Um ehrlich zu sein, war ich zunächst etwas skeptisch, als mir vom Phantomverlag angeboten wurde, das Buch zu lesen und gegebenenfalls zu rezensieren. Würden mich die Bekenntnisse eines Diebes wirklich so brennend interessieren, dass ich dafür andere spannende Lektüren, die sich auf meinem Nachttischchen schon bis fast unter die Decke stapeln, erst einmal würde zur Seite schieben wollen? Aber als ich durch den Trailer zum Buch …

… und durch den Text auf dem Cover über den Vergleich mit „Über den Dächern von Nizza“ und mit „Thomas Crown“ erfuhr, wurde ich dann doch ein kleines bisschen neugierig. Ja, sie hatten mich am Haken, und ich blieb auch während der Lektüre am Haken. Der Schreibstil nämlich gefiel mir sofort und einmal angefangen, musste ich natürlich auch wissen, wie es weitergeht.

Und bald zog mich diese etwas andere Reise durch ferne Länder in ihren Bann. Schön und detailliert beschrieben sind die Besonder- und Eigenheiten einzelner Städte und die Lebensart der dort lebenden Menschen. In Teilen könnte das Buch einem Reiseführer durchaus alle Ehre machen. Wenn es nicht sogar fast das Zeug zu einem kleinen ReiseVERführer hat.
Wer weiß, vielleicht werde ich irgendwann sogar einmal dort wandeln, wo ich eben noch mit einem Dieb unterwegs war. Allerdings schweben mir eher keine Raubzüge vor. Ich bleibe dann doch lieber bei meinem normalen Leben. Ich brauche meine Vergangenheit, meine Familie, meine tierischen Mitbewohner, meine Freunde und ein eher unaufgeregtes Leben, das durchaus auch ohne Stress und Panik im Nacken spannend und unterhaltsam sein kann. Na, und meine vielen Bücher möchte ich auch nicht immer irgendwo zurücklassen müssen, denn ein Dieb kann immer nur mit kleinem Koffer reisen.

Ebenso bildreich wie Orte und Landschaften wird auch die Gefühlswelt des Protagonisten beschrieben. Es macht richtig Spaß, in diese Gefühlsbeschreibungen einzutauchen. Einzelne Szenen musste ich immer wieder lesen, sie mir förmlich auf der Zunge zergehen lassen.

Am Ende habe ich ein Buch aus der Hand gelegt, das ich nach anfänglichen Zweifeln gerne gelesen habe. Das Ende allerdings hatte ich mir etwas anders erhofft. Aber ich will hier nicht zu viel verraten. Ihr wollt ja schließlich noch selbst auf die Reise gehen.
Eines kann ich aber doch noch verraten, nämlich die Antwort auf die obige Frage: Lesevergnügen? Oder eher nicht?

Sie lautet: Und ob es ein Lesevergnügen für mich war!

Für diejenigen, die nun hoffentlich ganz neugierig geworden sind, hier noch die genauen Angaben zum Buch. Es kommt übrigens als richtig schön gebundenes Buch mit einem Hardcover daher und kostet 14,90 Euro.

DeLong, Lucien: Ein Dieb : Bekenntnisse ; Roman. – Berlin : Phantom Verl., 2017. – 143 S.
ISBN 13-978-3-927447-07-3

Scheinbar unauffällig kommt es auf den ersten Blick daher. Recht schlicht gehalten. Die obere Hälfte schwarz. Darauf in weißen Buchstaben das Wort „RASTLOS“.

Weber - Rastlos

Der Anfang – „RAST“ – liegt eng beisammen und hält wohl in der Tat gerade Rast. Dann das „LOS“ – gar nicht mehr so rastend wie die Nachbarbuchstaben. Das „L“ hängt zwar noch ein wenig am „T“, ist aber schon dabei, sich von ihm loszureißen. Das nachfolgende „O“ und das „S“ sind bereits in großen Schritten unterwegs, sie scheinen rastlos nach oben davonzueilen. Rastloser kann rastlos nicht sein.
Wer aber ist so erpicht darauf, nach der Rast schnell und weit fortzukommen? Stefanie Weber? Die, deren in schwarzen Buchstaben gehaltener Name auf weißem Grund das nach oben strebende „Los“ des „Rastlos“ zu unterstreichen scheint? Ist sie diese Rastlose? Und wenn ja, warum ist sie so rastlos? Läuft sie vor etwas davon, eilt sie etwas oder jemandem hinterher oder ist sie auf der Suche, auf der Suche nach dem Leben vielleicht oder dem, was das Leben ausmacht? Ich bin neugierig geworden.

Vor ein paar Tagen las ich im Nachbarblog, in „Zeilenendes Sammelsurium“, einen interessanten Beitrag – „Lesen auf Probe“.  In dem Post, in dem es erstaunlicherweise 😉  um Bücher geht, fragt das Zeilenende am Schluss seines Beitrags:  „Wie ist es mit euch? Lasst ihr euch durch Leseproben leiten? Orientiert ihr euch an Empfehlungen von Blogger*innen oder dem Feuilleton? Oder macht ihr es wie ich und greift einfach blindlings zu?“

Zeilenendes Fragen schwirrten mir bei der Vorbereitung dieses, meines „Rastlos-Beitrags“ noch einmal  durch den Kopf. Und da sie das taten, kann ich auch gleich anhand eines praktischen Beispiels diese Fragen beantworten. Da ich ab und zu das Pferd auch gern von hinten aufzäume, möchte ich auf Zeilenendes letzte Frage zuerst eingehen. Also … blindlings, blindlings habe ich sicher schon öfter einmal irgendwo zugegriffen. Meistens erwies sich das als dummer Fehler. Aber bei Büchern passiert mir das zum Glück eher selten. Einerseits, weil mein Bücherschrank eh schon übervoll ist und er sich nicht noch zusätzlich mit Fehlkäufen schmücken muss, denn leider kann ich mich auch von Fehlkäufen oft nur schwer trennen. Andererseits habe ich meine Bücher schon immer gern mit Bedacht gekauft. Zunächst muss mich ein Buch neugierig machen – durch den Autor, den Titel des Buches und/oder durch sein interessantes Cover. Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass „Rastlos“ das durchaus durch Cover und Titel geschafft hatte. Aber ein schöner und zum Lesen verlockender Titel und ein ansprechendes Cover sind ja durchaus noch nicht alles. Ein bisschen mehr als nur ein hübsches Gesicht darf es schon noch sein. Also, was sagt denn der Klappentext – so vorhanden? Nicht nur beim großen Buchverkäufer mit dem A am Anfang wurde ich fündig, auch auf Stefanie Webers Blog gescheuchteigel.wordpress.com erfuhr ich, was ich wissen wollte.

Übrigens, um noch einmal auf Zeilenendes Fragen zurückzukommen, aufmerksam überhaupt wurde ich auf Stefanie Weber, weil sie irgendwann einmal hier im „Bücherstaub“ Spuren hinterließ. Das führte mich zu ihrem Blog und dort stolperte ich über diesen Buchtitel „Rastlos“. Ja, liebes Zeilenende, man könnte also sagen, ich habe mich hier durchaus zunächst an der Empfehlung einer Bloggerin orientiert. Aber mehr wollte ich trotzdem noch vor dem eventuellen Kauf des Buches wissen. Ich lese gern ein wenig rein in den Anwärter auf einen Platz in meinem Bücherschrank. Also musste eine Leseprobe her und die ließ mich dann nicht mehr los.

Der Schreibstil gefiel mir außerordentlich gut und nicht nur der, auch die Ansichten der Ich-Erzählerin gefielen mir und irgendwie sogar ihre Gedankensprünge, die erstaunlich oft vorkommen und dem Buch einen ganz eigenen Charakter geben. Ich habe diese Sprünge auch durchaus nicht als lästig empfunden. Sie halten das Buch eher lebendig und es kam mir wie im wirklichen Leben vor, wo man oft gedanklich hin- und herspringt.

Wie man der Biografie der Autorin entnehmen kann, verlief ihr Lebensweg ähnlich dem der Ich-Erzählerin aus dem Buch. Vielleicht begleiten wir Stefanie Weber mit diesem, ihrem Debütroman sogar ein Stück auf ihrem eigenen Lebensweg, folgen ihr durch einen wichtigen Teil ihres Lebens, durch genau den, den wir alle mehr oder weniger suchend durchschritten haben, durch die Zeit, in der man bereits zu den Erwachsenen  zählt, seinen Platz unter ihnen aber noch nicht gefunden hat, durch die Zeit, in der man weder genau weiß, wohin es beruflich gehen wird, noch wohin der Weg partnerschaftlich führen wird. Es braucht halt seine Zeit, bis man im Leben ankommt. Der eine kommt eher an, der andere später. Manch einer sucht vielleicht auch nach vielen Jahren noch immer nach dem, was das Leben ausmacht, nach Erfolg im Beruf, nach einer Schulter, an die er sich in guten wie in schlechten Tagen anlehnen kann, nach dem eigentlichen Zuhause, nach dem, was uns letztendlich glücklich und zufrieden sein lässt. Manchmal dauert es lange, aber irgendwann kommt man an im Leben und dieser kleine Funke leuchtet auch am Ende des Buches von Stefanie Weber auf. Jedenfalls würde ich es so interpretieren.

Fazit: Unbedingt lesen! Für mich ein bemerkenswertes Buch von einer Autorin mit bemerkenswerten Ansichten, Ansichten, die ich in vielem bedingungslos teile. Für mich war genau das durchaus erstaunlich. Bei diesem Buch hatte ich das Gefühl, in vielen Teilen auf einer Wellenlänge mit der Erzählerin zu liegen. Ich konnte ihr Tun und Handeln, ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Sorgen verstehen, in einigen Teilen sogar nachvollziehen und das, obwohl wir nicht zu ein und derselben Generation gehören, denn gerade da gibt es ja oft sehr unterschiedliche Ansichten und Meinungen.
Ich habe mit „Rastlos“ wieder einmal ein Buch in Händen gehalten, das mich ausgesöhnt hat mit vielem, das mir wieder Mut gemacht hat, dass es da doch noch stimmen könnte im allgemeinen Miteinander, in der gegenseitigen Achtung, dass wir doch noch Gemeinsamkeiten haben – egal, wie viele Lebensjahre uns trennen. Und dass diese Gemeinsamkeiten gar nicht einmal so wenige sind.
Und noch etwas war an diesem Buch für mich erstaunlich, nämlich wie spannend und mitreißend Stefanie Weber über ein in gewisser Weise doch ganz normales Leben schreiben konnte. Aber ich glaube, gerade das macht dieses Buch zu etwas ganz Besonderem, gerade deshalb geht es unter die Haut, man fühlt mit – man freut sich mit, sorgt sich mit und man leidet mit, aber man hofft auch mit.

Ein Frage muss ich allerdings am Ende offen lassen, nämlich die, ob „Rastlos“ eventuell nur ein reines Frauenbuch ist oder ob es ein Buch ist, das die männlichen Leser genauso fesselt, wie es mich gefesselt hat. Aber ich denke, das kriegt ihr selber raus, Ihr lesebegeisterten Jungs, oder? Wozu schließlich gibt es Leseproben? 😉

Da bin ich also wieder. Ob nur kurz oder wie bisher gewohnt, wird sich noch zeigen. Der Garten und vieles andere mehr rufen momentan ganz gewaltig laut nach mir und verlangen meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Zumindest der Garten sollte sich aber eigentlich nicht allzu sehr über Vernachlässigung beklagen können, denn ihm habe ich während meiner Abwesenheit hier im Netz sehr viel Zeit gewidmet und an Arbeitskraft hat es auch nicht gefehlt. Aber darüber werde ich noch berichten. Andererseits gab es nach der vielen Gartenarbeit auch Ruhemomente, die ich mit einer weiteren Lieblingsbeschäftigung neben dem Werkeln im Garten ausgefüllt habe. Ich habe gelesen.

Monti - Jahrmarkt der Gier

Die Autorin Olivia Monti hat mir unlängst ein Rezensionsexemplar ihres Buches „Luna Park 2 – Jahrmarkt der Gier“ angeboten. Da ich Kinderbücher, Märchen und auch Fantastisches durchaus gern lese, stand ich Olivias „Luna Park“ natürlich nicht ablehnend gegenüber. Die Thematik schien mir recht interessant zu sein. Also machte ich mich freudig und voller Erwartung ans Lesen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Olivia Monti für das Rezensionsexemplar, das mir als Kindle-Edition vorliegt.

Worum geht es im „Luna Park“
Der „Luna Park“ aus Olivia Montis Buch ist ein Berliner Vergnügungspark. Es gab ihn übrigens wirklich einmal, den „Luna Park“, und wer mehr darüber lesen möchte, der kann gern hier schauen – vielleicht als kleine Vorbereitung auf Olivias fantasiereiche Variante eines solchen Vergnügungsparks. Sie lässt nämlich in ihrem bisher zweibändigen fantastischen Roman vier Teenager auf seltsame Weise in einem Berliner „Luna Park“ landen. Im Band 1 präsentiert sich der „Luna Park“ für die vier jugendlichen Helden als „Jahrmarkt des Grauens“. Was genau die vier Freunde Dugo, Zaza, Brauni und Camel dort Grauenvolles erleben mussten, das ist für mich eigentlich fast noch ein Geheimnis, denn ich weiß bisher nur aus der kleinen Vorgeschichte zum 2. Band des „Luna Park“, dass man sich dort hemmungslos vergnügen konnte, dass die ganze Sache aber einen Haken hatte. Und genau da wurde es scheinbar grausam. Tatsache ist aber, dass die vier Freunde am Ende dem „Jahrmarkt des Grauens“ entkommen konnten und sehr froh darüber waren. Warum nur gibt es dann einen 2. Band zum „Luna Park“? Vielleicht, weil den Teenies die Lust auf einen Rummelplatzbesuch doch nicht so ganz abhandengekommen war? Aber eigentlich geschah dieser erneute Jahrmarktbesuch mehr aus einer Art Frustration heraus. Brauni nämlich ärgerte sich wie schon so oft wieder einmal über seine Pflegefamilie, musste also, um es konkret zu sagen, Frust abbauen, und so überredete er seine drei Freunde dazu, ein Volksfest in Berlin Mitte zu besuchen. Und damit nahm das Verhängnis erneut seinen Lauf. Übrigens versichert die Autorin, dass man auch ohne den Band 1 des „Luna Park“ gelesen zu haben, voll auf seine Kosten kommt und keinerlei Verständnisschwierigkeiten haben wird. Jeder Band ist ein in sich abgeschlossener Roman. Das vielleicht schon mal für diejenigen vorausgeschickt, die wie ich, das Pferd von hinten aufzäumen wollen und sich erst einmal über den zweiten Band der „Luna Park“-Geschichte hermachen möchten. Dann also los: Hinein ins Getümmel auf dem „Jahrmarkt der Gier“. Wir gruseln uns mit dem Band 1 also später, weil wir jetzt erst einmal ganz gierig auf den zweiten Band vom „Luna Park“ sind.

Da sind Dugo, Zaza, Brauni und Camel, vier 13-jährige Freunde,  also wieder einmal auf einem Berliner Rummelplatz unterwegs. Brauni hat die Freunde ganz einfach dazu überredet,  nach längerer Abstinenz endlich mal wieder einen Rummelplatz zu besuchen. Er meint: „Wir könnten eigentlich mal wieder auf nen Rummel, sozusagen aus alter Erinnerung.“ Nicht gerade überschäumend begeistert, aber dennoch machen sich die Freunde gemeinsam mit Brauni auf den Weg zu besagtem Berliner Volksfest. Sie haben dann auch einen recht erlebnisreichen Tag, den eine Fahrt mit der dortigen Geisterbahn zu einem schönen Abschluss bringen soll. Aber dann passiert’s, die Bahn bringt die vier Jugendlichen auf mysteriöse Weise erneut in den „Luna Park“. Allerdings sieht der Park, den sie bereits als „Jahrmarkt des Grauens“ kennengelernt hatten, dieses Mal ganz anders aus und bald erfahren sie auch, dass sie dazu verdammt sind, ein Spiel zu spielen, ein Spiel, bei dem es darum geht, eine Million Euro zu verdienen. Wer das geschafft hat, der darf den „Luna Park“ wieder verlassen, so heißt es. Um überhaupt die Million verdienen zu können, erhält jeder der Freunde einen Job wie ihn sonst eigentlich nur Erwachsene ausüben. Brauni  erhält einen Posten in einer Geschäftsbank, Camel und Dugo werden Geschäftsinhaber einer Rennbahn bzw. einer Videothek und Zaza  soll  in der Zentralbank arbeiten. Bald stellen alle vier nach und nach fest, dass sie auf ehrliche Weise kaum dazu kommen können, so viel Geld zu verdienen. Sie werden praktisch immer wieder dazu gezwungen, durch unlautere Methoden anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Dabei spielt der König des Luna Park, den sie bereits aus dem „Jahrmarkt des Grauens“ kennen, immer wieder eine gewichtige Rolle. Dass sie auf ehrliche Weise zu der ersehnten Million kommen können und das auch noch schnell, das erscheint ihnen nahezu unmöglich. Doch wollen Dugo, Zaza, Brauni und Camel nicht nur andere, sondern auch einander betrügen, ihre Freundschaft, gegenseitiges Vertrauen und mehr aufs Spiel setzen, nur damit sie am Ende auf der Gewinnerseite stehen und den Park wieder verlassen können? Gibt es auch eine andere Möglichkeit, um dem „Luna Park“ erneut zu entkommen? Sie hatten es ja bereits einmal geschafft. Warum sollte das nicht erneut gelingen können? Aber, ob es ihnen wirklich gelingt?

Wie es mir im „Luna Park 2 – dem Jahrmarkt der Gier“ gefallen hat
„Luna Park 2 – Jahrmarkt der Gier“  ist laut Titelblatt ein „fantastischer Roman für Kinder“, und zwar für Kinder „von 11 bis 111 Jahren“. Er ist also, betrachtet man jetzt einmal nur die Altersspanne, für einen recht breiten Leserkreis gedacht. Ein 11-Jähriger sollte demnach genauso viel Spaß und Spannung mit dem Buch haben können wie ein 111-Jähriger. Außerdem  sollten beide gleichermaßen verstehen können, was uns die Geschichte und somit die Autorin sagen möchten. Ist das mit diesem Buch gelungen? Es geht im „Jahrmarkt der Gier“ zunächst um das Vergnügen, das man auf so einem Rummelplatz miteinander haben kann. Es geht hier aber auch tiefer, es geht um Freundschaft, die Liebe zueinander, Vertrauen und es geht in diesem Buch um Verantwortungen und Verpflichtungen wie sie ein Erwachsener im beruflichen Alltag ständig erfährt. Es geht außerdem um eine reichliche Portion Gesellschaftskritik, um Profit, Geldgier und Macht – kurz gesagt – um ein ordentliches Schippchen Wirtschaft und Politik, um Manipulation von Menschen. Nicht nur zwischen den Zeilen wird hier gefragt, ob mit Europa alles so richtig läuft, wie es läuft. Und an dieser Stelle hatte ich so meine ersten Zweifel, ob ein 11-Jähriger für solche finanzpolitischen und gesellschaftskritischen Probleme überhaupt schon zu interessieren ist. Dass er in den Arbeitsalltag eines Erwachsenen einen kleinen Einblick erhält, selbst einmal sieht, welche schwerwiegenden Folgen unbedachte oder egoistische Entscheidungen haben können, das ginge für mich noch in Ordnung. Damit kann man nicht früh genug konfrontiert werden. Aber sind nicht all die finanztechnischen Details und ihre politischen Auswirkungen, von denen hier die Rede ist, für einen 11-Jährigen möglicherweise zu schwere Kost? Gut, andererseits handelt es sich hier um ein Buch, das zugleich mehrere Generationen ansprechen soll. So betrachtet muss der jugendliche Leser vielleicht auch nicht bis ins kleinste Detail überblicken, was es mit den jeweiligen Bankgeschäften und ihren Auswirkungen auf sich hat. Der erwachsene Leser dagegen bekommt hier einen recht interessanten Denkanstoß, wenn nicht mehr.
Was mir an anderer Stelle etwas Bauchschmerzen bereitete, das war der Punkt, dass Bier scheinbar für 13-Jährige ein fast normales Getränk zu sein scheint. Es wird zwar an einer Stelle im Buch gesagt, dass weder Zaza noch Dugo wie 16 aussehen würden, trotzdem hätten sie das Bier bekommen. Hier hätte ich mir durchaus einen deutlichen Hinweis gewünscht, dass Bier, bzw. Alkohol, eben nicht das Teenie-Getränk N. 1 sein kann. Fast am Ende des Buches, als man im Grunde genommen denken sollte, dass die vier Freunde während ihres aufregenden Abenteuers einiges dazu gelernt haben, greift Brauni nicht nur zum Würstchen, sondern auch wieder zum Bier. Beides wird ihm zwar vom König durch einen Fingerschnipps weggenommen, aber das heißt für mich durchaus noch nicht, dass der König es nicht gutheißt, dass Brauni seinen Durst mit Bier stillen möchte, denn am Ende landet beides wieder auf dem Tresen – Bier UND Würstchen.
Ein bisschen schwer tat ich mich beim Lesen mit der Erzählperspektive. Eigentlich erzählt uns Dugo, der eine der vier Freunde, die Geschichte aus seinem Erleben heraus. Immer wieder aber gibt es Teile, in denen diese Ich-Perspektive verlassen wird, denn Dugo kann von dem parallel zu seinen eigenen Erlebnissen laufenden Geschehen eigentlich noch gar nichts wissen, weil er selbst nicht dabei ist. Trotzdem tritt er auch hier als Erzähler auf. An einer Stelle im Buch erfährt man allerdings, dass Zaza Dugo später ihre Erlebnisse erzählte, sodass er sie im Nachhinein quasi wiedergeben konnte. Es muss also zwingend auch so mit den Erlebnissen der anderen beiden Freunde gewesen sein. Meiner Meinung nach ist das keine so gelungene Erzählweise. Eine auktoriale Erzählsituation, also ein allwissender Erzähler, wäre meines Erachtens für den Lesefluss besser gewesen. Der ständige Wechsel zwischen dem eigenen Erleben Dugos und dem Beschreiben der weiteren Ereignisse nervten mich ehrlich gesagt sogar in gewisser Weise, weil man sich immer wieder umorientieren musste. Sicher, ich habe mich hineingelesen, aber es brauchte halt seine Zeit.

„Luna Park 2 – Jahrmarkt der Gier“  – eine Lektüre, die zu empfehlen ist?
Die Idee, die hinter diesem Buch steht, hat mir durchaus gefallen. So war ich nach der kurzen Inhaltsangabe, die ich mir vor dem eigentlichen Lesebeginn des Buches zu Gemüte führte, auch recht gespannt auf das, was mich im „Jahrmarkt der Gier“ alles erwarten würde. Einerseits wurden meine Erwartungen erfüllt, andererseits wurden sie aber auch ein wenig enttäuscht. Olivia Montis Buch las sich, sicher auch bedingt durch die stets wechselnde Erzählperspektive, längst nicht so flüssig, wie man es sich gewöhnlich von einem guten Buch erhofft. Andererseits konnte mich die Lektüre aber auch nicht uneingeschränkt von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Es gab immer wieder Momente, Passagen, in denen ich den „Jahrmarkt der Gier“ erst einmal aus der Hand legen musste, weil er mir schlicht und einfach zu langatmig erschien. Da braucht man halt zwischendurch doch einmal eine Pause. An solchen Stellen wäre vielleicht weniger sogar mehr gewesen, um die Spannung durchweg aufrechterhalten zu können. Ein Erwachsener kämpft sich vielleicht durch solche eher weniger fesselnden Stellen noch durch. Ob das Kinder oder Jugendliche auch tun, das ist für mich wirklich ein wenig fraglich.
Aber kommen wir zum Schluss und dem Eigentlichen dieser Rezension. Trotz der hier aufgezählten Kritikpunkte kann und möchte ich eine Leseempfehlung geben. Auch wenn ich das Buch immer wieder einmal zur Seite legen musste, es zumindest mich nicht durchweg mit Spannung überzeugen konnte, wollte ich wissen, wie es Dugo, Zaza, Brauni und Camel am Ende ergeht. Würden sie dem „Jahrmarkt der Gier“ entkommen können, wollten sie ihm überhaupt entkommen? Und ich muss sagen, zum Schluss hin wurde es dann durchaus wieder spannend und aufregend und wären die oben aufgezählten Schwächen nicht gewesen, dann hätte ich mich mit dieser Rezension auch nicht so schwer getan. Und das habe ich, denn ich war und bin bei diesem Buch doch recht hin- und hergerissen zwischen mehreren Gefühlen. Wir haben hier eine gute Geschichte mit interessanten Charakteren, die ein wenig besser umgesetzt, etwas ganz Tolles sein könnte – dennoch auch so ein Buch, an dem man nicht ganz achtlos vorübergehen sollte. Aber was sag ich? Selber lesen macht klug und meine Meinung ist sicher nur eine von vielen Meinungen.

Erschienen ist Olivia Montis „Luna Park 2 – Jahrmarkt der Gier“ übrigens im April 2016 und zwar sowohl als Taschenbuch als auch als Kindle-Edition.

01Heute, am 10. Mai, ist hier im Bücherstaub wieder einmal ganz besonders geputzt und gewienert worden. Die Silberdistel hat den Staubwedel aus der Abstellkammer hervorgeholt und sich an die Arbeit gemacht, um all die vielen Bücher, die das silberdistelsche Heim zieren, von ihrem staubigen Wintermäntelchen zu befreien. Glänzen und strahlen sollen die Bücher heute. Das Buch hat nämlich noch einmal einen ganz besonderen Ehrentag – heute, am 10. Mai. Es darf den „Tag des Buches“ feiern. In der DDR war der 10. Mai auch als „Tag des freien Buch“ bekannt. Er wurde alljährlich aus Anlass der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland als Gedenktag  begangen. Ab 1983 feierte auch die Bundesrepublik den 10. Mai als Ehrentag für das Buch. Hier wurde er jedoch nur als „Tag des Buches“ bezeichnet.

Ich möchte diesen Tag gern zum Anlass nehmen, um einem meiner absoluten Lieblingsbücher hier am heutigen „Tag des Buches“ einen Platz im Bücherstaub einzuräumen, denn der Autor dieses Buches stand zur NS-Zeit, wie viele andere auch, auf der Liste der verfolgten und verbotenen Autoren. Es passt also zum heutigen Anlass ganz ausgezeichnet. Es ist ein Buch, das ich schon viele Male gelesen habe und das mich unwahrscheinlich beeindruckt und auch nach dem Lesen jeweils noch lange beschäftigt hat. Es handelt sich um Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“. Die Handlung des einzigen Romans, der aus Stefan Zweigs Feder stammt, spielt zu Beginn des Sommers 1914. Der junge Leutnant Anton Hofmiller wird eines Tages in das Haus der wohlhabenden Familie Kekesfalva eingeladen und lernt dort unter anderem auch die 17jährige Nichte des Hausherrn kennen, die seit vielen Jahren durch eine Erkrankung an Kinderlähmung in Kindertagen an den Rollstuhl gefesselt ist. Da dem Leutnant die Behinderung der jungen Frau im ersten Moment verborgen bleibt, fordert er sie bei einer kleinen Festlichkeit, zu der er geladen wurde, zum Tanz auf. Die junge Frau ist verletzt, verzweifelt und verwirrt. Als Anton Hofmiller seinen Fehler bemerkt, stürzt er entsetzt über sich und den furchtbaren Fehler, der ihm unterlaufen ist, aus dem Hause der Kekesfalva. Am anderen Tag entschuldigt er sich mit einem Blumengruß bei der jungen Frau, die wiederum nun die Entschuldigung des jungen Leutnants völlig falsch deutet. Im weiteren Verlauf verliebt sich Edith hoffnungslos in Anton Hofmiller, der allerdings nur aus Mitleid mit Edith und ihrem Schicksal, das sie an den Rollstuhl fesselt, immer wieder im Hause der Kekesfalvas erscheint. Im Laufe der Zeit werden die Besuche des jungen Militärs zu einem angenehmen Zeitvertreib für ihn und er meint sogar, damit Edith Gutes zu tun. Andererseits fühlt er sich sehr geschmeichelt, dass man ihm im Hause Kekesfalva fast grenzenlose Aufmerksamkeit entgegenbringt. 02Trotz der vielen Zeit, die Hofmiller mit Edith verbringt, entgeht ihm völlig, dass sich die junge Frau in ihn verliebt hat. Als sie ihm ihre Liebe gesteht, ist er erstaunt und fassungslos. Wie konnte eine behinderte junge Frau überhaupt derartige Gefühle hegen? So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Zweigs Roman ist in wunderbarer formvollendeter Sprache geschrieben. Er ist einfach große Literatur. Der Leser lebt und leidet mit jeder einzelnen Figur, man fühlt wie Edith, die um ihrer selbst geliebt werden möchte, man versteht aber auch Anton, der sich wohlfühlt in der Familie Kekesfalva und man versteht auch das Mitleid, das er der jungen Frau gegenüber empfindet und man erhofft sich letztendlich eine gute Lösung für beide, auch wenn diese unwahrscheinlich erscheint.  Zweig schaut mit seinem Roman tief in die menschliche Seele und führt uns vor Augen, was falsch verstandenes Mitleid anrichten kann.  Trotz seiner mehr als 450 Seiten ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend wie ein Krimi. Man mag es nicht aus der Hand legen. Wie oben erwähnt, habe ich es bereits mehrmals gelesen. Immer wieder hat mich Zweigs Sprachgewalt von Neuem begeistert und gefesselt. Es ist ein Buch, dass man ohne Pause durchlesen möchte, und wenn man es dann letztendlich doch aus der Hand legt, tut man es langsam und mit Bedacht, ein wenig ehrfurchtsvoll gar, so, als würde man etwas ganz Kostbares in Händen halten, das man einfach nicht fortlegen kann. Noch lange, nachdem man das Buch zugeschlagen hat, kreisen die Gedanken um Edith, um Anton Hofmiller, um Mitleid, das so sehr schmerzen kann – auf der einen wie auf der anderen Seite. Es ist eines des berührendsten  Bücher, das ich je gelesen habe. Wer es nicht kennt, sollte es unbedingt lesen. Ihr werdet es lieben.

Hier nun die vollständigen Angaben zu meiner Ausgabe des Romans von Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens : Roman. – 181.-190. Tsd. – Frankfurt am Main : Fischer, 1990. – 455 S. – (Fischer-Taschenbücher) – ISBN 3-596-21679-6

Ich hoffe, Ihr alle habt die freien Tage genossen und Ihr hattet ebenso schöne Ostertage wie wir Silberdistels. Wir haben das wunderschöne Wetter im Garten bei den silberdisteligen Enkelkindern genossen, haben mit ihnen fleißig Ostereier gesucht und davon leider wieder einmal viel zu viel gegessen.
Nur mein Ischiasnerv hat sich von dem schönen Wetter nicht beeindrucken lassen. Er war die ganze Zeit über maulig und meldet sich immer noch mehr oder weniger heftig zu Wort. Er will gehätschelt und getätschelt und mit viel Wärme behandelt werden und vom Sitzen hält er immer noch recht wenig. Ich bitte also um Nachsicht, sollte ich mich hier und bei den Besuchen auf Euren Blogs in nächster Zeit doch noch etwas rar machen. Auf jeden Fall möchte ich es vorsichtig versuchen, hier wieder zur Tagesordnung überzugehen. Nur, der Herr Ischias hat sich dabei irgendwie ein Mitspracherecht erkämpft. Ein wenig fürchte ich mich dann doch vor seinem Zorn. Er hat schon so manches Mal, wenn ich etwas übermütig wurde, aus dem „Erlkönig“ zitiert: „Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ . Wenn er also meint, es sei genug, dann muss ich ihm momentan gehorchen – ob ich will oder nicht. Seht es mir also bitte, bitte nach!

01-Kätzchen-RegenLongden - Kätzchen RegenAber nun zum heutigen Tag, dem 23. April. Er ist ein ganz besonderer Tag – ein sogenannter Ehrentag. Gibt es überhaupt noch einen einzigen Tag im Jahr, der nicht mit irgendeinem Ehrentag belegt ist? Ich weiß es nicht und ich werde auch nicht versuchen, es herauszufinden. Manche dieser Tage empfinde ich persönlich einfach als unsinnig. Der 23. April jedoch ist der Ehrentag für einen ganz lieben Freund von mir, einen Freund, der mich schon fast mein ganzes Leben lang begleitet. Dieser Tag gilt dem Buch. Er ist der Welttag des Buches und als solcher geht er für mich in Ordnung. Das Buch hat einen Ehrentag mehr als verdient. Seit dem 23. April des Jahres 1995 hat das Buch diesen eigens für ihn von der UNESCO eingerichteten Feiertag, an dem wir Buchbegeisterten unserem lieben Freund alljährlich unsere Liebe zu Füßen legen können. Hierzu werden auch in Deutschland von Verlagen, Buchhändlern, Bibliotheken, Autoren, den zahlreichen Lesebegeisterten und sogar von Bloggern die verschiedensten Veranstaltungen  durchgeführt. Auf eine solche Bloggerveranstaltung machte mich Silke von the3cats aufmerksam. Bei dieser Aktion werden Bücher verlost. Blogger schenken Lesefreude. Ich kam leider zu spät, um selbst ein Buch in die Lostrommel zu werfen, da ich wegen meines Osterurlaubs erst gestern am späten Abend von der Aktion las.
Aber diesen Ehrentag an sich wollte ich natürlich nicht versäumen. Macht es doch zur Feier des Tages – zur Huldigung des Buches – ganz einfach so wie ich (aber sicher habt Ihr es schon längst getan) und nehmt wieder einmal einen Eurer Freunde zur Hand – ein richtiges Buch aus Fleisch und Blut Papier. Ein richtiges Buch fühlt sich nämlich ganz anders an als sein elektronischer Verwandter, es ist unvergleichlich schöner, persönlicher, irgendwie sogar  ein wenig menschlich. Es duftet unnachahmlich, unverkennbar nach Buch, es hat seinen ganz eigenen höchstpersönlichen Platz in einem unserer Bücherregale und ruft immer wieder einmal nach uns, wenn wir an ihm vorübergehen. Ist es nicht so? ICH kann diesem Ruf nie widerstehen, ich muss es wie unter Zwang zur Hand nehmen, seinen berauschenden Duft einatmen, in ihm blättern und dem leisen verführerischen Rascheln seiner Seiten lauschen. Unweigerlich fällt dabei mein Blick auf die vielen kleinen Buchstaben, die eine Geschichte zu erzählen haben und die mich jedes Mal erneut in ihren Bann ziehen. Wie oft habe ich durch einen solchen Ruf aus dem Bücherregal ein Buch noch ein zweites oder drittes Mal oder sogar noch öfter gelesen. Ein Buch aus Papier ist für mich meistens ein Freund fürs Leben geworden, es hat nicht nur einen Platz in meinem Bücherregal, es hat auch einen Platz in meinem Herzen, in meinem Leben gefunden. Inzwischen gibt es recht viele solcher Freunde. Eines meiner Lieblingsbücher, ein Buch, das ich nicht mehr missen mag und das ich immer wieder und wieder zur Hand nehme, ist „Das Kätzchen, das aus dem Regen kam“ von Deric Longden. Es erzählt davon, wie ein Katzenfan wider Willen zu einem Kätzchen kommt und sich von diesem flauschigen Vierbeiner innerhalb kürzester Zeit quasi um dem Finger wickeln lässt. Wer selbst sein Leben mit Katzen teilt, wird vieles von dem, was Longden in so herrlich humorvolle Worte fasst, selbst schon erlebt haben. Wer kennt nicht die Probleme, die Sorgen, aber auch die enorme Freude, die mit einem solchen tierischen Hausgenossen verbunden sind? Für mich ist dieses Buch eines der schönsten Katzenbücher überhaupt. Für einen Katzenliebhaber sollte es Pflichtlektüre sein. Man muss es einfach gelesen haben.

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Leider ist „Das Kätzchen, das aus dem Regen kam“ seit Jahren nicht mehr neu aufgelegt worden, bei einigen Händlern aber noch als Gebrauchtes zu bekommen. Auch mein Exemplar war oder ist ein „gebrauchtes“ Buch. Aber wozu gibt es eigentlich Bibliotheken? Ich denke, in jeder gut sortierten Bibliothek sollte doch wohl genau dieses „Kätzchen aus dem Regen“ zum Bestand gehören. Also nichts wie hin und ausgeliehen!

Hier die Angaben zu meinem Exemplar, einer gebundenen Ausgabe: Longden, Deric: Das Kätzchen, das aus dem Regen kam : was ein Katzenfan wider Willen mit seinem neuen Hausgenossen erlebt, eine bezaubernde Katzengeschichte. – 4. Aufl.  – Bern ; München ; Wien : Scherz, 1993. – 223 S.

Cover atMinnieEs ist mir bereits aufgefallen, ja doch, es gab hier schon lange keine Buchvorstellung mehr, obwohl es im Grunde keinen Tag gibt, an dem ich nicht lese. Zugegeben, manchmal sind es nur wenige Seiten, aber die sind es immer. Ein Tag ohne Buch ist fast undenkbar für mich. So will ich Euch auch endlich wieder einmal an dem teilhaben lassen, was ich in letzter Zeit so gelesen habe. Eigentlich ist das eine ganze Menge und es ist nicht leicht, sich für DAS Buch aller Bücher zu entscheiden, aber ich kann ja einfach einmal mit dem Buch beginnen, das ich zuletzt gelesen habe. Es ist ein Buch, das mich durch sein relativ schlichtes, in sanftes Blau gehaltenes, Cover allein schon neugierig gemacht hat. Links am Rand ragt etwas verwaschen der Eiffelturm in die Höhe, davor springt uns der Titel „@Minnie“ förmlich entgegen. Wer ist Minnie und wer mag Minnie etwas zu sagen haben – per E-Mail, per Twitter oder über andere soziale Netze? Sofort dachte ich an einen meiner Lieblingsfilme „E-Mail für Dich“. Ich will jetzt hier nicht ein Buch und einen Film miteinander vergleichen, aber von der Grundidee her gibt es doch gewisse Ähnlichkeiten. Auch wenn der Film für mich immer noch vor diesem Buch rangiert, was vielleicht nicht nur an Tom Hanks, sondern auch an der etwas runderen Handlung des Films liegen mag, hat mir die Geschichte von Minnie, einer 35jährigen Journalistin, verheiratet mit einem Wissenschaftler und Mutter zweier Kinder, sehr gefallen. Eigentlich mehr durch Zufall wird sie auf den Sänger einer Rockband aufmerksam. Seine Stimme, seine Lieder faszinieren sie so sehr, dass sie ihm zunächst auf Twitter folgt und ihn recht bald sogar persönlich kennenlernt. Bis vor kurzem befand sich Minnie noch in dem festen Glauben, mit ihrem Mann und ihrer Familie glücklich und zufrieden zu sein. Seitdem sie den Sänger River kennengelernt hat, ist plötzlich alles anders. Sie versteht die Welt nicht mehr, ihre Ehe droht zu zerbrechen. Wie und warum konnte es dazu kommen? All das erzählt uns dieser Roman.
Auch wenn es für mich, wie oben schon angedeutet, in der Handlung einige Ecken und Kanten gab, kann ich das Buch uneingeschränkt empfehlen. Es liest sich sehr flüssig, ist spannend und man fiebert förmlich mit Minnie mit. Ob Minnie letztendlich den richtigen Weg geht, das bleibt am Ende doch ein wenig offen. Aber vielleicht überrascht uns Monika Mingot ja irgendwann mit einer Fortsetzung ihres Romans.
Monika Mingot ist 1971 geboren und lebt mit ihrer Familie in Zürich. Der Roman um Minnie und River ist ihr erstes Buch. Sie schreibt selbst, dass sie „Liebe, Musik, Poesie, Träume und Social Media“ faszinieren und aus dieser Faszination heraus entstand auch dieses Buch.
Gelesen habe ich „@Minnie“ als Kindle-Edition. Das E-Book ist 2013 erschienen. Für die Printausgabe sind 226 Seiten angegeben – ISBN 978-3-033-03953-7
(Scheinbar ist eine Printausgabe bisher aber wohl (noch) nicht erhältlich. Jedenfalls konnte ich nach ersten Recherchen keine ausfindig machen.)

Also dann, viel Spaß beim Lesen!

Kürzlich saß ich ganz in ein Buch vertieft in meinem Garten und spionierte zusammen mit der Katze Sina in einem Kurbad, in Bad Ems, umher, als ich plötzlich in die Wirklichkeit zurückgerissen wurde. Eine kleine graue Katzendame aus dem Hause Silberdistel holte mich in heimische Gefilde zurück und kriminalisierte einige Meter von mir entfernt unter einem Staudenbeet. Schacht01Zum Glück für uns alle wurde aus der Verfolgung einer warzigen pummeligen Kröte dann doch kein Kriminalfall. Es lief mehr auf die Vorführung von yogaähnlicher Krötengymnastik hinaus, sodass ich mich nach dieser, allerdings ebenfalls hochspannenden, Gelenkigkeitsübung wieder meinem Katzenkrimi widmen konnte.
Damit nun keiner vor lauter Neugierde auf das, was ich da wohl an jenem Tag gelesen haben könnte,  in den Wahnsinn verfällt, möchte ich heute dieses Geheimnis lüften. Das mit dem Wahnsinn ist nicht nur so dahergesagt. Schon Erasmus von Rotterdam muss mit Büchern eine seltsame Erfahrung gemacht haben, die er in folgende Worte fasste: „Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn.“ Damit es also niemandem wie besagtem Erasmus geht, sprechen wir lieber drüber – die Katze Sina, mit der ich kriminaltechnisch unterwegs war, ist die Hauptdarstellerin in dem Buch „Die Spionin im Kurbad“. Ausgedacht hat sich diese nette Geschichte um Katzen und Menschen in einem Kurbad Andrea Schacht.

Es ist nicht das erste Buch von Andrea Schacht, in dem man aus der Sicht einer Katze der Handlung folgt. Ich habe hier vor etwas längerer Zeit bereits das Buch „Die Lauscherin im Beichtstuhl“ vorgestellt. Ähnlich wie dort führt uns auch  in dem neuen Buch von Andrea Schacht eine Katzendame durch die Geschichte. Hier ist es die Streunerkatze Sina, die sich, um ihren Katzennachwuchs durchbringen zu können, entgegen der eigenen Vorsätze in die Nähe der Menschen begibt. Dort stolpert sie, kaum dass sie ein Plätzchen für sich und ihre Kätzchen gefunden hat, über die Taten eines heimtückischen Giftmörders. Nicht nur Menschen kommen ums Leben, auch eines von Sinas Kindern stirbt an einem Gift, das nach Bittermandel riecht. Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Tod von Sinas Kätzchen und dem Toten in einer der Badewannen des Kursaales? Sina beginnt nachzuforschen und freundet sich dabei mit einem Kurgast, einer jungen Frau namens Altea, an. Bald entwickelt sich daraus eine enge Freundschaft zwischen Mensch und Tier.

Schacht02Die Geschichte spielt, wie oben schon erwähnt, in Bad Ems und zwar im Sommer des Jahres 1872. Das Buch ist recht humorvoll geschrieben, immer wieder muss man über die kleine Hauptdarstellerin schmunzeln und auch über den Kater eines anderen Kurgastes, mit dem sich Sina im Laufe der Handlung anfreundet. Der Kater Bouchon ist eigentlich ein reiner Stubenkater – schüchtern, überaus höflich, etwas pummelig und total unbedarft, was das Leben außerhalb der menschlichen Behausungen betrifft. Am Ende war mir Bouchon fast mehr ans Herz gewachsen als Gina, die auf ihre Art dennoch auch viel von dem hochherrschaftlichen Kater lernen kann. Beide ermitteln zusammen und ergänzen sich letztendlich ausgezeichnet, auch wenn Bouchon recht oft etwas ungeschickt und tollpatschig zu sein scheint.

Kurz und gut – den Leser erwartet eine nette kleine Katzengeschichte mit viel Humor und liebevoll gezeichneten Charakteren. Natürlich kommen auch die Bösewichte nicht zu kurz, denn wir haben es hier ja mit einem Krimi zu tun, der durchaus auch für Spannung sorgt. Dank Sina und Bouchon kommen wir dem Täter fast eher auf die Spur als die ermittelnden Menschen. Aber gerade das macht den Reiz dieses Buches aus. Wir sind nämlich mit allen Sinnen Katze.
Nebenher erfahren wir sogar noch allerlei über das Kurleben in Bad Ems um 1872. Wer hätte gedacht, dass auch zu jener Zeit die Leute schon zur Kur fuhren?

Mir hat die Geschichte um Sina gefallen und ich empfehle sie gern weiter an all jene, die nicht nur tiefschürfende, hochernste und zutiefst philosophische Literatur lieben. Es ist ein Buch für Leser, die sich durchaus auch öfter einmal begeistert in ein lockeres, leichtes und lustiges Leseabenteuer entführen lassen. Das Buch macht einfach Spaß.

Ach ja, … und wer eine Katze hat, wird diese nach einer solchen Lektüre sogleich mit ganz anderen Augen sehen, sie vielleicht sogar ein wenig besser verstehen als zuvor.

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Zum Schluss vielleicht noch die vollständigen Angaben zum Buch:
Die Spionin im Kurbad : Roman / Andrea Schacht. – Augsburg : Weltbild, 2012. – 365 S. – ISBN 978-3-86365-157-2