Mit ‘Nutzer’ getaggte Beiträge

Um mein Namensgedächtnis war es leider schon immer schlecht bestellt. Schriftstellernamen konnte ich mir allerdings seit jeher erstaunlich gut merken. Ob das mit den Schriftstellernamen nun berufsbedingt so ist, will ich einmal dahingestellt sein lassen. Vielleicht hängt es eher damit zusammen, dass ich unwahrscheinlich gern lese und somit der Name des Schriftstellers in einem anderen Fach in meinem Kopf als ein ganz gewöhnlicher Name abgespeichert wird. Was ich damit sagen will, ist, andere Namen waren und sind oft Schall und Rauch für mich. In diesem Falle hat das wohl auch weniger mit meinem schon etwas fortgeschrittenen Alter zu tun. Diesen Namensschwund aus meinem Kopf kenne ich bereits seit meiner frühen Jugend. Wahrscheinlich meint mein Hirn, sich mit so etwas nicht belasten zu müssen. Manchmal nahm dieses Phänomen schon erstaunlich peinliche Züge an. Eigentlich sollte einer Bibliothekarin so etwas nicht passieren dürfen. Sie sollte, da sie täglich von morgens bis abends mit Namen überflutet wird, damit erstaunlich gut zurechtkommen können. Aber diese eine hier hat damit so ihre Probleme und wenn sie einmal einen Namen behält, kann derjenige mit Recht sehr stolz darauf sein.

Ein ganz lieber Kollege aus einer anderen Abteilung unserer übergeordneten Einrichtung kam gern und oft in unsere Bibliothek. Eines schönen Tages öffnete sich, wie so oft in unserer Bibliothek, die Tür und besagter Kollege schaute herein. Gerade mit diesem Kollegen habe ich mich immer gern und viel unterhalten und wir kannten uns eigentlich recht gut. Doch an diesem Tag war alles anders. Schon, als er zur Tür hereinkam, grübelte ich über seinen Namen nach. Mir fiel zwar ein, wie er mit Vornamen hieß, aber der Zuname war weg, wie weggeblasen. Ich dachte dann, na egal, ich muss ihn ja nicht ansprechen. Nachdem besagter Kollege ein wenig in den Bücherregalen herumgestöbert hatte, kam er zu mir und setzte sich auf einen Stuhl neben den Ausleihtresen. Wir unterhielten uns eine ganze Weile nett miteinander, er gab einige Bücher, die er ausgeliehen hatte, wieder ab, hatte aber keine neuen gefunden, die er mitnehmen wollte. Ich dachte noch, dass ich später nach seinem Konto suchen kann, um die eben abgegebenen Bücher zurückzubuchen. Damals, als sich diese Geschichte ereignete, hatten wir noch keine Online-Verbuchung, ich hätte also in den Benutzerkonten nach seinem Zunamen suchen müssen. Der Vorname, der mir da eingefallen war, nützte in diesem Falle herzlich wenig. Hätte mein Kollege neue Bücher mitgenommen, hätte er einen Leihschein ausfüllen müssen und da hätte er seinen Namen selbst drauf geschrieben. Das wäre also kein Problem für mich gewesen. Aber nein, er wollte nun auch noch wissen, ob er denn bei uns noch Bücher ausgeliehen hätte oder ob sein Konto leer wäre. Nun MUSSTE ich also in sein Konto schauen, ob ich wollte oder nicht. Da er ein mir sehr wohl bekannter Kollege war, wollte ich nicht nach seiner Benutzerkarte fragen, denn eigentlich sollte ich wissen, wie er heißt und ich wollte nicht als unhöflich und bürokratisch erscheinen. So saß ich also da, schaute ihn an und grübelte darüber nach, mit welchem Scherz ich nun meine Gedächtnislücke vertuschen könnte. Mir fiel nichts ein. Er schaute mich an und wartete darauf, dass ich seine Frage beantwortete, was ich aber nicht tat. Ich schaute ihn nur grübelnd an und versuchte mich zu erinnern. Plötzlich grinste er und sagte schelmisch: “Sie wissen gerade meinen Namen nicht, oder?” Ich wurde bestimmt abwechselnd rot und blass und gestand, dass dem so wäre. Er lachte laut und meinte, dass ihm so etwas andauernd passieren würde. Mir war das unheimlich peinlich, dass mich mein Gedächtnis so im Stich gelassen hatte, auch wenn ihm so was angeblich andauernd passieren würde. Für mich jedoch war das kein Trost. Es war mir mehr als unangenehm.

Im Laufe der Jahre rettete mich der Fortschritt vor solchen Gedächtnislücken. Bei der Onlineverbuchung, die irgendwann in unserer Bibliothek eingeführt wurde, wird unter anderem der Barcode des Nutzers für die Verbuchung von Medien benötigt, sodass der Bibliothekar ohnehin nach der Chipkarte fragen muss. Dieses kleine Kärtchen rettete mich in der Folge aus so manch peinlicher Situation. Es lebe der Fortschritt 😉

Endlich wieder ein Wochenende in Sicht. Nur noch heute schnell zur Arbeit. Aus dem Bad heraus muss ich mich beeilen, geschwind anziehen, ein wenig Kosmetik, schnell den Tisch decken, Kinder wecken, frühstücken und dann müssen wir uns auch schon auf den Weg zur Arbeit machen. Warum scheint heute die Zeit nur so zu rasen?

Diese alte Dame ist lange im Ruhestand und nur noch Dekoration

Ich verstehe das nicht und werde noch ein wenig hektischer. Wir sind doch aufgestanden wie immer! Ob da manchmal plötzlich einer schneller an der Uhr dreht? Mit Müh‘ und Not schaffe ich die S-Bahn. Kaum bin ich im Zug, da geht auch schon die Tür hinter mir zu. Erschöpft sinke ich auf einem freien Fensterplatz nieder, suche mein Buch heraus und beginne zu lesen. 20 Minuten später muss ich aussteigen, in die Straßenbahn, wenige Minuten darauf drängele ich mich wieder hinaus ins Freie. Einige Meter Fußweg muss ich auch noch hinter mich bringen, rein in den Fahrstuhl und dann falle ich förmlich zur Tür unseres Arbeitszimmers hinein. Meine Chefin ist schon da und klimpert fröhlich auf der Schreibmaschine umher. Genau, richtig gelesen – Schreibmaschine. Es gab einmal Zeiten, wir begeben uns hier wieder einmal ins vorige Jahrhundert zurück, da wir uns dieser hübschen klappernden mechanischen Geräte bedienen mussten, um unsere täglichen Arbeitsaufgaben zu erledigen. Wer einmal auf so einem Ding Buchstaben zu Worten und Worte zu Sätzen hat werden lassen, der weiß die heutige Technik besonders zu schätzen. Ein Tippfehler hatte damals unter Umständen verheerende Folgen. Besonders schlimm war es, wenn man ein Wort ausgelassen hatte. Da konnte man mit dem Text noch einmal von vorn beginnen, denn er stand auf Papier gebannt. Eine Einfügemöglichkeit von Buchstaben, Worten oder ganzen Sätzen, gar wie heute am PC, gab es nicht. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Seltsam, dass man immer so abschweifen muss.

Wo war ich? Ach ja, in meinem Arbeitszimmer. Ich begrüße also meine Chefin, oder besser Abteilungsleiterin, hänge meine Jacke an den Kleiderhaken und setze mich an meinen Schreibtisch. Unser Arbeitsraum ist halb Magazin, halb Arbeitszimmer. Hinter unserem Rücken stehen Meter um Meter von Regalen, vollgestopft mit Büchern, die es zu bearbeiten gilt. Schließlich sind wir hier in einer Bibliothek und das gesammelte Schriftgut will einem Menschen namens Nutzer früher oder später zur Verfügung gestellt werden. Sicher später, weil … wir schaffen und schaffen es nicht … immer mehr häuft sich dazu, weil aus allen Himmelsrichtungen der Welt Bücher für unsere Bibliothek eintreffen. Zwei meiner Kollegen sind noch beim Signierdienst, was es alles einmal so gab – erstaunlich, und müssen sich mit Leihscheinen herumschlagen, die von unkundigen Nutzern ausgefüllt wurden. Meine Kollegen haben die Aufgabe, aus dem Buchstaben- und Wortwirrwarr einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen und daraus des Nutzers Wunsch herauszulesen. In der überwiegenden Anzahl von Fällen werden diese wundersamen Rätsel gelöst, Signaturen herausgefunden, Bücher bereitgelegt, die der Kunde König dann demnächst abholen und in sein trautes Heim entführen wird, um sich dort an diesen Wundern des Wissens zu ergötzen.

Erschöpft und erholungsbedürftig kommen irgendwann endlich auch meine beiden signierdienstunlustigen Kollegen zur Tür herein. Wir alle haben uns nun unsere Frühstückspause verdient. Nach dem Frühstück laufe ich hier- und dorthin, weil ich einige Dinge in anderen Abteilungen der Bibliothek zu erledigen habe, mittags muss ich die Vertretung für eine Kollegin in einem der Lesesäle übernehmen. Dort kichern immerzu einige Studenten hinter mir her. Ich wundere mich, warum sie wohl so albern sind. Na, wer weiß, wir waren als Studenten auch nicht anders, fällt mir da ein. Nach meinem Lesesaaldienst gehe ich noch einmal ins Sekretariat und ernte, als ich mich vom Postfach her wieder umdrehe, einen amüsierten Blick von einem unserer Azubis, nein … damals hießen sie noch Lehrlinge. Ich frage: “ Is was?“ Er grinst weiter und sagt: „Äh, nein“ und lächelt mich seltsam an, als würde er mit seiner Selbstbeherrschung Probleme haben. Kopfschüttelnd verlasse ich das Sekretariat.

Zurück in unserem Arbeitsraum, fasse ich mir zum ich weiß nicht wievielten Mal an den Hals und wundere mich, dass mein Pullover heute am Kragen so eng zu sein scheint. Ich stehe nachdenklich vor meinem Schreibtisch und überlege, welche Arbeiten ich jetzt am besten als nächste erledige. Mein Kollege ruft aus seiner hinteren Ecke, dass er mir noch etwas geben muss und kommt von hinten auf mich zu. Ich drehe mich um, um zu schauen, um was es sich handelt, und bemerke, dass er mir wie gebannt auf mein frauliches Hinterteil starrt und sich offensichtlich gar nicht davon losreißen kann. Ich wiederhole meinen Spruch vom Sekretariat, allerdings etwas höflicher: „Ist irgendetwas oder warum schauen Sie so auf mein hoffentlich hübsches Hinterteil?“ „Naja“, sagt er, „Sie haben da heute so ein lustiges Schwänzchen, dass so nett hin und her wippt.“ „Ich habe ein ….was?“ „Ein, ein Schwänzchen.“ Plötzlich fallen mir die Studenten im Lesesaal ein, der Lehrling … Ich fasse noch einmal an meinen Hals, dann an meinen Pullover vorn und vermisse dort die kleine Schleife, die da eigentlich sein sollte, um das Bündchen des Pullovers zusammenzuhalten. Irritiert fasse ich nach hinten und merke, dass ich dort tatsächlich ein Schwänzchen habe. Ich gehe zum Spiegel, der in einer Ecke des Arbeitsraumes hängt, und schaue mich von hinten an. Die beiden Kordelenden, die eigentlich vorn am Pullover eine Schleife bilden sollten, befinden sich seltsamerweise nun hinten und haben sich noch dazu ineinander verdreht und stehen seltsam ab, wie ein kleines Ringelschwänzchen eben. Meine beiden Kolleginnen schauen nun auch interessiert zu mir und lachen wie auf Kommando los. Ich kann dann auch nicht mehr an mich halten und stimme in ihr Gelächter ein. Aber warum hat mich niemand darauf aufmerksam gemacht, dass ich heute offensichtlich meinen Pullover falsch herum anhabe und das Vorderteil zum Hinterteil geworden ist? Meine drei Kollegen schauen mich an und meinen, sie hätten mich doch die ganze Zeit nur von vorn oder am Schreibtisch sitzend gesehen. Mein Kollege meint dann abschließend noch ganz treuherzig: „Ich dachte, das soll so sein.“ Männer! *kopfschüttel*

Fazit: Morgens in Ruhe anziehen und für die Arbeit fertig machen und sich anschließend noch einen Rundumblick in den Spiegel gönnen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden, also – nur keine Hektik. Naja, wenigstens hatten einige Mitmenschen an jenem Tag einige amüsante Minuten durch meine Gegenwart.

Unsere Bibliothek ist, außer an einem Tag in der Woche, gewöhnlich über Mittag geschlossen. Meistens sind wir Mitarbeiter dann außer Haus, gehen irgendwohin zum Mittagessen, zum Einkaufen, erledigen irgendwelche privaten oder manchmal auch dienstlichen Angelegenheiten. Währenddessen träumt also die Bibliothek still vor sich hin.

Ich war besagtes Mal zur Post, um ein Päckchen aufzugeben. Da sich neben der Post ein Bäckerladen befindet, nahm ich mir von dort eine Kleinigkeit zu Mittag mit. Zurück in der Bibliothek kochte ich mir einen Tee, packte mein Mitbringsel vom Bäcker aus und machte es mir in unserer kleinen Frühstücksecke bequem. Anscheinend waren die anderen Kollegen noch unterwegs. Da ich am Nachmittag Dienst in der Ausleihe hatte, wollte ich mit meinem Mittagessen nicht warten, bis mir eine meiner Kolleginnen Gesellschaft leistete. Ich wollte rechtzeitig vor Beginn der Ausleihöffnungszeit fertig sein, weil es noch einiges vorzubereiten gab. Immer noch inniglich mit meinem Mittagessen beschäftigt, dringen plötzlich von irgendwoher aus den Tiefen des Gebäudes merkwürdige und unheimliche Klopfgeräusche an mein Ohr. Was war das denn? Hatten sich da irgendwo Handwerker ins Gebäude eingeschlichen? Oder war doch schon wieder jemand von seiner Mittagspause zurück? Irgendwie unheimlich war das schon. Auf Entdeckungsreise getraute ich mich aber auch nicht. So versuchte ich, das Geräusch zu ignorieren und widmete mich wieder meinem Mittagessen.

Nach einer Weile hörte ich erneut diese seltsamen klopfenden Geräusche und es schien mir sogar so, als würde irgendwo jemand rufen. Woher kam das? Ich stand nun doch auf und steckte vorsichtig meinen Kopf zur Tür hinaus. Jetzt hörte ich deutlicher, dass da wirklich jemand heftig an einer Tür rüttelte und rief: „Hallo, ist hier irgendwo jemand?“ Huhuhhhhhh! Halloooooo!“ Kam das nicht aus der Ausleihe? Ich ließ mein Mittagessen Mittagessen sein, nahm mein Schlüsselbund und ging zum Ausleihraum. Tatsächlich, da klopfte jemand von innen. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn herum und öffnete die Tür. Erstaunt schaute ich eine junge Frau an, die einen recht  aufgeregten Eindruck machte. Wie kam sie hierher, was suchte sie zu dieser Zeit allein im Ausleihraum? Ich hatte all das noch gar nicht zu Ende gedacht, da erzählte sie mir schon, dass sie im hinteren Raum der Ausleihe gesessen, an einem Buch gearbeitet und irgendwie wohl die Zeit vergessen hätte. Sie hätte auch gar nicht zur Uhr geschaut. Als sie dann fertig war und gehen wollte, stellte sie fest, dass im vorderen Teil der Freihandabteilung das Licht gelöscht und gar niemand mehr im Ausleihraum war. Zu ihrem Entsetzen war auch noch die Tür, durch die sie den Ausleihraum hätte verlassen können, abgeschlossen. Ich staunte immer mehr und fragte irritiert: „Hat denn meine Kollegin gar nicht nachgesehen, ob noch jemand hinten an den Arbeitstischen sitzt?“ Die junge Frau zuckte nur mit den Schultern, denn sie war so vertieft in ihre Arbeit gewesen, dass ihr rein gar nichts aufgefallen war. Aber eigentlich hatte sich meine Frage erübrigt. Meine Kollegin konnte nicht geschaut haben. Jedenfalls war ich froh, dass sich einerseits das Rätsel dieser unheimlichen Geräusche gelöst hatte und ich  andererseits relativ früh wieder von meinem Gang zur Post zurück war, sodass unsere Nutzerin nicht noch länger in ihrem Bibliotheksgefängnis hatte ausharren müssen. Glücklich, aus der unfreiwilligen Gefangenschaft endlich befreit worden zu sein, nahm die junge Frau ihr Ränzlein und verließ fluchtartig die Bibliothek.

Wie sich dann im weiteren Verlauf herausstellte, hatte die Kollegin, die an dem Tag vormittags Ausleihdienst hatte, wirklich nicht geschaut, ob noch jemand in den hinteren Räumlichkeiten der Ausleihe arbeitete. Ich erntete später einen fassungslosen und entsetzten Blick von ihr. Sie schaute mich ganz ungläubig an und wartete darauf, dass ich sagte, es wäre nur ein Scherz von mir.

Wir haben lange danach noch viel über diesen Fall herum geulkt und uns allerlei andere Variationen vorgestellt, z. B. hätte das ja auch zum Feierabend oder gar zum Wochenende hin passieren können. Wir waren uns alle nicht sicher, ob es so angenehm wäre, in der Bibliothek übers Wochenende gefangen zu sein, auch, wenn man dann einmal in aller Ruhe und ganz ausgiebig hätte alles rauf und runter lesen können. Wir haben noch viel über diesen Vorfall gelacht, aber, ob es im schlimmsten Fall wirklich so lustig für den Gefangenen gewesen wäre, ist sehr fraglich. Besagte Studentin war später noch oft in der Bibliothek. Sie hat das alles nicht so tragisch genommen, verpasste aber nie mehr den Zeitpunkt, zu dem unsere Bibliothek schloss. Zu mir sagte sogar einmal: „Ich habe heute wieder etwas länger zu tun. Schließen sie mich bitte nicht ein?“ Unseren Stempel haben wir mit diesem Vorfall ganz bestimmt aufgedrückt bekommen, wie diese Bitte erahnen lässt, ob ich da nun gesagt hätte: „Aber ICH habe noch niemanden eingeschlossen!“ oder nicht, das spielte keine Rolle. Das Ganze hat sich sicher wie ein Lauffeuer herumgesprochen. In DIESER Bibliothek werden andauernd Nutzer eingesperrt, wahrscheinlich wochenlang und ohne Wasser und Brot.

P.S.: Damals trug noch nicht jedermann ein Handy mit sich herum. Eine Befreiung aus einer solchen Gefangenschaft gestaltete sich demzufolge etwas schwieriger als es vielleicht heute der Fall wäre.

Ich stehe vor der Tür zu unserer Ausleihe und telefoniere gerade mit einer meiner Töchter. Vor mir stehen und liegen diverse Kartons, deren Inhalt mir irgendwie nicht ganz klar ist. Sie purzeln mir andauernd durcheinander und versperren die Eingangstür zum Ausleihraum. Ich versuche, ihrer wegen des Handys in meiner linken Hand nur mit meiner rechten Hand Herr zu werden, was mir aber nicht zu gelingen scheint. Nebenher muss ich mich den Worten meiner Tochter widmen, schweife mit meiner Aufmerksamkeit allerdings immer wieder ab, weil diese Kartons sich einfach nicht bändigen lassen wollen. Plötzlich geht hinter mir die Tür auf und mehrere Nutzer stürmen auf den Flur, kommen auf mich und die Kartons zu und wollen durch die Tür, die ich gerade mit den Kartons, die immer mehr zu werden scheinen, versperre. Meine Tochter erzählt mir weiter eine wichtige Sache, die ich aber nicht so ganz mitbekomme, weil ich mich nun auch noch auf die Bibliotheksbesucherschar konzentrieren muss. Die versammelten Nutzer fragen mich, ob denn die Bibliothek heute geschlossen ist. Ich verneine das und schiebe weiter hektisch mit den Kartons umher, die aber einfach nicht von der Tür wegzubekommen sind. Dann fragt ein hinter mir stehender Nutzer, ob er denn mal vorbei dürfe. Ich wundere mich, was er von mir will, versuche dann aber, den Türdrücker zu erreichen, um die Tür zu öffnen. Unter Anstrengung, nebenher mit Telefon und Kartons kämpfend, bekomme ich endlich den Türdrücker zu fassen, der mir aber sogleich wieder zu entgleiten scheint. Endlich habe ich ihn gepackt. Seltsamerweise kann ich aber die Tür nicht öffnen. Wo ist meine Kollegin? Ist hier noch abgeschlossen? Habe ICH etwa Ausleihdienst? Irritiert sage ich zu den Wartenden: „Ich habe den Schlüssel vergessen. Moment bitte, ich muss ihn erst holen.“ Ich lasse Kartons Kartons sein und eile in meinen Arbeitsraum, der sich merkwürdigerweise heute in einem Nebengebäude befindet. Das Gespräch mit meiner Tochter muss ich beendet haben. Allerdings bin ich mir dessen gar nicht so recht bewusst, wann und wie das geschah und was sie mir eigentlich erzählen wollte. Mit leichter Verwunderung frage ich mich, mit welcher meiner beiden Töchter ich eigentlich gesprochen habe.

Als ich meinen Arbeitsraum betrete, sind meine Kolleginnen gerade damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten. Ich sehe, dass das Abwaschbecken rundherum mit Tischen zugestellt ist und sage: „Oh, das muss ich gleich einmal anders hinstellen. Da kommt man ja gar nicht durch.“ Meine Kolleginnen scheinen mich nicht wahrzunehmen und wuseln seltsam nervös hin und her. Ich suche nach den Schlüsseln für die Ausleihe. Niemand antwortet mir auf die Frage, ob jemand weiß, wo die Schlüssel für den Ausleihraum sind. Irgendwann ruft eine mir unbekannte Stimme, dass das Frühstück fertig ist. Ich setze mich an den Tisch, trinke meinen Tee und esse irgendetwas, von dem ich im Nachhinein nicht mehr sagen kann, was es war. Schließlich beenden wir die Frühstückspause, ich will mich dem Abwasch widmen, da fällt mir ein Schlüsselbund vor die Füße. Ich hebe es auf, schaue es an und wundere mich, dass die Schlüssel daran alle gleich aussehen und überlege, welcher davon wohl für die Ausleihtür passt. Plötzlich fällt mir voller Schrecken ein, dass ich ja zurück zur Ausleihe wollte, um die Tür aufzuschließen. Dort warten mehrere Nutzer. Entsetzt frage ich mich, wie lange ich hier wohl schon herumgesessen und nicht an die wartenden Nutzer gedacht habe. Ich greife nach dem Schlüsselbund, weiß immer noch nicht, welcher Schlüssel davon passen kann, und hetze los zur Ausleihe, kann einen kleinen panischen Aufschrei nicht vermeiden und … werde endlich wach.

Ganz erleichtert atme ich durch. Das war nur ein Traum. Welch Glück! Allerdings frage ich mich nun, warum keiner von den Nutzern, die vor der Ausleihtür warteten, zu uns in den Arbeitsraum gekommen ist und gefragt hat, warum denn heute keiner die Bibliothek öffnet. Stehen sie dort  noch immer oder sind sie einfach wutentbrannt gegangen? Ich bemühe mich, wieder einzuschlafen, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Zu dumm, ich kann einfach nicht mehr einschlafen, doch dann nicke ich noch einmal weg und … und höre aus der Ferne Musik, die langsam lauter wird … Was ist denn da in der Bibliothek los? Woher kommt diese Musik? Ich verstehe das nicht … Oh, ich werde langsam wieder wach, ich muss aufstehen, der Radiowecker … die Bibliothek …

Wir alle wissen, Bibliothekare sind manchmal etwas seltsam und mitunter sind sie auch durchaus etwas spitzfindig. Wenn man als normaler Leser oder Bibliotheksnutzer in eine Bibliothek kommt, sich Bücher, DVDs, CDs oder was der Bibliotheksfundus sonst so hergibt, ausleiht, ist das eine schöne Sache, vor allem sehr freundlich zur eigenen Geldbörse, in der mitunter zeitweilig oder dauerhaft eine recht angespannte Situation herrscht. Aber schließlich sind Bibliotheken dazu da, dass der lesebegeisterte Mensch Geld sparen kann, denn wer möchte und kann sich schon jedes Buch, das er unbedingt lesen möchte oder muss, immer gleich kaufen. Das müssen und können wahrscheinlich nur Bibliothekare selbst. Von denen sind etliche so dumm besitzgierig und meinen, jedes Buch, dass sie, warum auch immer, interessiert, selbst besitzen zu müssen, obwohl ihnen übertrieben gesagt, alle Bibliotheksbestände der Welt zu Füßen liegen … äh … zur Verfügung stehen. Wahrscheinlich stehen deshalb in ihrem Heim nur Bücher herum und sonst nichts, denn für die schönen Dinge des Lebens kann da ja dann wohl kaum noch Geld und Platz übrig bleiben. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Nun ist es nicht immer so, dass der Bibliotheksnutzer sich bei der Suche nach Büchern in der Bibliothek so beherrschen kann, dass er sich nur ein oder zwei Bücher aus dem reichhaltigen Angebot der Bibliothek heraussucht, um sie mit nach Hause zu tragen und dort in aller Ruhe innerhalb der entsprechenden Leihfrist zu lesen. Es gibt Nutzer, die suchen aus den Bibliotheksregalen ganze Berge von Büchern zusammen, stapeln sie auf den Ausleihtresen zwischen sich und das Bibliothekswesen, das hinter dem Tresen seinen bibliothekarischen Dienst tut, und versuchen oft, gleich die doppelte Leihfrist herauszuschlagen, weil sie es beim besten Willen nicht schaffen können, das alles innerhalb der vorgegeben Leihfrist durchzuarbeiten. Nur, das Bibliothekspersonal ist da recht stur und beharrt unflexibel auf den üblichen vier Wochen Ausleihfrist, danach könne man weitersehen. So ist bereits vorprogrammiert, dass jener Nutzer diesen gewaltigen Bücherstapel in den seltensten Fällen innerhalb der normalen Leihfristen abarbeiten, sprich lesen, kann. Er muss wohl oder übel um Verlängerung der Leihfristen bitten, wenn er denn seine umfangreiche Lesetätigkeit auch zu ende führen möchte. Nun ist es zwar einerseits so, dass er eine Verlängerung in vielen Fällen selbst von zuhause aus über sein Onlinekonto vornehmen kann, andererseits lassen sich viele lieber höchstpersönlich in den heiligen Bibliothekshallen sehen, man könnte ja vielleicht gleich noch ein Buch mitnehmen, und sprechen mit Vorliebe folgenden Satz: „Ich möchte gern meine Bücher verlängern lassen.“ In der Regel wird die Bitte ohne Kommentar des Bibliothekspersonals anstandslos erfüllt, obwohl jedes Bibliothekswesen diesen SO gesprochenen Satz gedanklich analysiert und gern gegen eine derartige Formulierung Einspruch einlegen möchte. Es kribbelt förmlich auf der Zunge, im letzten Moment schluckt der Bibliotheksmensch seine kleinen Bevormundung des Nutzers aber dann doch schnell hinunter, denn Höflichkeit gehört mit zum Handwerk des Bibliothekspersonals.

Eines schönen Tages steht vor mir ein Nutzer, ernst, fast böse schauend, als würde ich ihm gleich sein Lieblingsspielzeug Buch wegnehmen wollen und spricht jene verhängnisvollen Worte: „Verlängern Sie mir das Buch bitte noch einmal?“ Ich schaue auf ein Exemplar von Umberto Ecos Buch „Das Foucaltsche Pendel“, das mit knappen 800 Seiten doch eine beachtliche Länge aufweist, und frage vorlaut: „Ach, ist ihnen dieses Buch nicht lang genug?“ Das finstere Gesicht schaut erst irritiert, dann leuchtet es ganz langsam wie eine Sonne auf und ein hübsches Lächeln breitet sich darauf aus. Mein Gegenüber sagt, jetzt schon richtig lachend: „Oh, es ist mir fast zu lang, das Buch kann so bleiben, aber, wenn nichts dagegen spricht, könnten Sie mir die Leihfrist für das Buch noch etwas verlängern.“ Ich verlängere die Leihfrist um weitere vier Wochen und mein Nutzer verlässt mit einem Lächeln auf den Lippen die Bibliothek. Ich sitze hinter meinem Tresen und lächle einerseits still vor mich hin und andererseits bin ich froh, dass der Satz, der mir so vorschnell aus dem Munde gerutscht ist, auf einen humorvollen Nutzer gestoßen ist, obwohl er zunächst gar nicht so aussah, so finster, wie er zu Anfang dreingeblickt hatte. Das hätte ebenso nach hinten losgehen können, weil sich jemand hätte von dieser blöden Bibliothekarin belehrt oder bevormundet fühlen können.

Merke: Bücher werden nicht verlängert – LEIHFRISTEN werden verlängert! Während meines Studiums wurde ich einmal streng auf diesen frappierenden Fehler, den ich in einer schriftlichen Arbeit gemacht hatte, hingewiesen, schließlich wollten wir Bibliothekare werden und als solcher könne man nicht derartigen Unsinn schreiben.  *schäm* Das dürfen sich nur die Nutzer leisten und da, und nur da, sehen wir großzügig über diesen Fehler hinweg.

So einer Kollegin vor einigen Jahren passiert:

Die Tür zum Ausleihraum unserer Bibliothek öffnet sich und ein junger Mann kommt herein, tritt an den Ausleihtresen und sagt: „Guten Morgen!“

Kollegin: „Guten Morgen!“

Der junge Mann legt ein Buch auf den Tresen und wendet sich wieder an die Kollegin: „Ich habe hier ein Buch – „Die Leiden des jungen Werther“.“

Kollegin: „Aha?“

Der junge Mann: „Wissen Sie, von wem das ist?“

Kollegin: „Ja, natürlich, das ist von Goethe.“

Der junge Mann: „Nein, nein, das ist von Johanna Wagner.“

Kollegin: „Nein, das ist wirklich von Goethe.“

Der junge Mann schaut auf das vor ihm liegende Buch und antwortet unsicher lächelnd: „Äh, ich meine, dieses Buch ist nicht von mir. Es ist von Frau… äh …  Frau Wagner hat es ausgeliehen, nicht ich. Ich möchte das für sie abgeben. Geht das?“

Kollegin vor sich hinlächelnd: „Ja natürlich geht das.“

Es ist schon eine ganze Weile her. Damals hantierten wir in Bibliotheken noch mit Leihscheinen, d. h. also, wer ein Buch aus dem Bestand unserer Bibliothek ausleihen wollte, musste noch einen Leihschein ausfüllen. Auf dem wurde erfasst, wer welches Buch bis wann ausgeliehen hatte. Für die Chipkartenfans von heute hier nur so viel: diese Dinger, diese Chipkarten, gab es zu der Zeit noch gar nicht. Ja, genau, das muss im vorigen Jahrhundert gewesen sein.

Auch damals arbeitete ich seltsamerweise schon in einer Bibliothek (ist das schon sooo lange her?). Eines schönen Tages saß ich, wie so oft, hinter meinem Ausleihtisch (das Bibliotheksinventar war damals noch etwas schlichter gehalten), sortierte einige dieser Leihscheine so vor mich hin, als die Tür aufging und eine Kollegin aus unserer Firma, die im Verwaltungsbereich arbeitete, hereinkam. Besagte Kollegin hatte erst kürzlich bei uns angefangen zu arbeiten. Da sie leidenschaftlich gern las, war sie, kaum dass sie Angehörige unserer Firma war, auch sofort in der Bibliothek gewesen, ganz erfreut darüber, dass es so etwas in ihrer neuen Firma gab. Da konnte sie sich in Zukunft den Weg in die Stadtbibliothek sparen, denn unsere Bibliothek war auch recht gut mit Belletristik und sogar Kinderliteratur ausgestattet.

In unserem Ausleihraum stand unter anderem ein kleines Regal mit unseren Neuerwerbungen. Die Kollegin schaute sich dort um und kam mit einigen Büchern zu mir, um sie auszuleihen. Da wir bereits mehrmals miteinander zu tun hatten, kannten wir uns schon ein wenig und plauderten über dies und jenes, während sie vor mir am Tisch saß und die berühmten Leihscheine ausfüllte. Für den ungeübten Nutzer hatten wir immer ein Leihscheinmuster auf dem Tisch stehen, damit er noch einmal schauen konnte, ob auch alles vollständig ausgefüllt war. Mein Gegenüber schrieb fleißig, blickte immer einmal wieder auf das Muster des Leihscheins und nebenher unterhielten wir uns über ein Buch, das wir beide vor kurzem gelesen hatten und das uns besonders gut gefallen hatte. Schließlich war die Kollegin fertig mit den Scheinen. Wir tauschten, sie bekam die brandneuen Bücher und ich die ausgefüllten Scheine. Dann verließ sie, glücklich mit ihrem Bücherstapel, die Bibliothek.

Ich machte mich an die Leihscheine, die sie mir gereicht hatte und prüfte noch einmal alle Angaben. Es war alles in Ordnung bis auf …. ja, was war das denn? Ich schaute auf die Unterschrift und las und las, sortierte die Buchstaben hin und her und her und hin, konnte aber beim besten Willen nicht den Namen der Kollegin aus diesen Buchstaben zusammenfügen. Die Kollegin hieß Monika Marx, aber dort stand als Unterschrift alles andere als Marx. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte da nicht den Namen Marx rauslesen. Monika schien schon zu stimmen, aber Marx? Nein. Irgendwo war da doch ein Buchstabe zu viel. Da stand nicht Marx sondern M-a-i-e-r! Ich schaute auf unser Leihscheinmuster und brach in schallendes Lachen aus. Frau Marx hatte ja während unseres Gespräches, sozusagen nebenbei, den Leihschein ausgefüllt und fleißig von unserem Muster abgeschrieben, ohne nachzudenken. Auf unserem Leihscheinmuster stand, so wie heute meistens als Beispiel Mustermann steht, Monika Maier als Name des Entleihers. Ich schaute noch einmal den von Frau Marx ausgefüllten Leihschein an und musste losprusten, ob ich wollte oder nicht. Ich konnte einfach nicht anders. Immer, wenn ich dachte, ich hätte mich jetzt beruhigt, fiel mir der Vorfall wieder ein und ich musste loslachen. Ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr beruhigen. Albern, ich weiß, aber manchmal ist das so, dass man über solche Kleinigkeiten lachen kann bis zum Umfallen. Jedenfalls musste ich mich letztendlich von einer Kollegin, der ich zwischen Weinen und Lachen die Situation zu erklären versuchte, für eine Weile von meiner Ausleihtätigkeit ablösen lassen. Ich konnte keinen Leser mehr bedienen, ohne, wenn er mir einen Leihschein reichte, von einem neuen Lachanfall überwältigt zu werden. Meine Kollegen schüttelten den Kopf über mich, mussten aber auch mehr und mehr darüber lachen, ob nun über mich oder den „Scherz“ von Frau Marx, konnten wir später nicht mehr sagen.

Eine Weile später kam Frau Marx wieder in die Bibliothek und lieh auch dieses Mal ein Buch aus. Sie widmete sich dem Leihschein, während wir uns nebenbei wieder unterhielten wie die schnatternden Gänse, und sagte plötzlich zu mir: „Oh, beinahe hätte ich jetzt mit Maier unterschrieben, weil das hier auf Ihrem Musterleihschein so steht.“ Da war natürlich für mich alles zu spät. Ich konnte ihr gerade noch einigermaßen gefasst erzählen, dass sie das bereits beim letzten Bibliotheksbesuch getan hätte. Da prustete auch sie los. Wir saßen beide da, lachten und lachten und steckten sogar eine andere Leserin, die ebenfalls etwas ausleihen wollte, mit unserem Gelächter an. Sie musste einfach mitlachen, ohne zu wissen, warum. Als ich wieder einigermaßen zum Luftholen kam, klärte ich sie über den Auslöser unserer Heiterkeit auf, was für uns drei zu einem erneuten Ausbruch von Frohsinn führte.