Mit ‘Bibliothekar’ getaggte Beiträge

00-Bücherstapel Ein Buch, das man anfassen, in dem man blättern, dass man ins Bücherregal stellen und immer wieder einmal liebevoll anschauen kann und mit dem man mitunter Zwiesprache wie mit einem guten Freund halten kann, das ist für mich etwas ausgesprochen Schönes. Schon immer mochte ich Bücher, ich musste sie nicht unbedingt gleich, sofort und auf der Stelle lesen. Die Freude daran, dass ein Buch einfach nur da war, ich es in die Hand nehmen konnte, wann immer ich wollte, war und ist für mich ein schönes Gefühl. Es ist wie ein Freund, der mich in guten wie in schlechten Tagen begleitet, der mit mir weint, der mit mir lacht, der mir erklärt, was ich nicht weiß, der mir interessante, spannende, lustige, aufregende und manchmal auch traurige Geschichten erzählt, der mir wunderschöne Gedichte zuflüstert, der einzigartige Bilder für mich malt, die ich immer wieder anschauen und neu entdecken kann. Ist es nicht so, dass ein Buch all dieses kann?

… und dann? Dann drängte sich plötzlich neben diesen langjährigen geliebten Freund ein kleines elektronisches Gerät, das sich in der Größe eines Buches präsentierte und so tat, als wäre es nichts anderes als das, was unser papierner Freund schon immer für uns gewesen ist. Im Gegenteil, es meinte sogar, es wäre besser, weil es so viel mehr konnte. Es war hilfsbereiter als unser Freund mit den raschelnden Papierseiten. E-Book-ReaderEs fand schnell die Seite wieder, die wir zuletzt gelesen hatten. Da machte es nichts, wenn man vergessen hatte, ein Lesezeichen hineinzulegen. Auch wenn es hinausgefallen wäre, müsste ich nicht lange nach der Seite suchen, auf der ich mit dem Lesen stehengeblieben war. Es konnte mir Worte erklären, die ich nicht wusste, ich durfte in ihm herumschreiben und mir Notizen machen – mitten im Buch, egal ob Bibliotheksbuch oder nicht. Keine Bibliothekarin würde mich strafend anschauen oder gar ein Ersatzbuch wegen meiner Kritzeleien verlangen. Konnte einem nicht solch ein Freund mit so vielen technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten auch ans Herz wachsen, den anderen langjährigen gar verdrängen? Ich wehrte mich lange gegen ihn, denn der andere Freund, der hübsch gebundene, war mir in vielen Jahren ans Herz gewachsen. Ich konnte und würde ihn nie im Stich lassen. Er blieb und bleibt für mich der, zu dem ich immer eine ganz besondere und innige Beziehung haben werde, die mir niemand nehmen kann. Nur er kann mit seinen Seiten so wundervoll rascheln, flüstern, kichern und seinen unnachahmlichen Duft, den kann ihm auch niemand nehmen. Ich würde ihn immer und überall wiedererkennen. Trotzdem ich meinen Freund aus Papier über alles liebe, habe ich auch diesen anderen, der mich mit seinen vielen technischen Spielereien in Versuchung geführt hat, in mein Leben gelassen. Noch vor wenigen Jahren hätte ich das nie für möglich gehalten, doch irgendwie hat mich dieser jugendliche Held mit seinem Charme betört, immer wieder hat er mich charmant angelächelt, mir zugeflüstert, was er alles kann und mir versprochen, er würde meinen anderen Freund nicht verdrängen. Wir könnten doch auch zu dritt gute Freunde sein. Schüchtern schaute ich zu meinem Bücherregal hinüber und fragte: „Was meint Ihr? Wollen wir es mit ihm versuchen und schauen, ob er nicht zu viel versprochen hat?“

01-Freunde fürs Leben

Eines meiner Lieblingsbücher „Der Fremde von Barra“ von Fred Bodsworth, das mich schon lange begleitet, trat hervor und sagte: „ Versuchen wir es einfach einmal mit ihm. Vielleicht kann er, was wir nicht können und so ergänzen wir uns gegenseitig. Wäre das nicht wunderschön, wenn sich Altes mit Neuem gut ergänzen könnte?“ Erstaunt fragte ich: „Ihr würdet mir das nicht übelnehmen, wenn ich einen neuen Freund in mein Leben ließe?“ „Der Fremde von Barra“ blickte die Reihe seiner papiernen Gefährten entlang, dann schaute er wieder zu mir und sagte: „Sie würden den Neuen als Gefährten aufnehmen und ihn freundlich begrüßen. Vielleicht können wir alle noch viel von einander lernen.“

03-Kindle Fire HDSo geschah es dann. Eines Tages, es war zu meinem Geburtstag, trat ein neuer Freund in mein Leben. Sein Name war E-Book-Reader. Inzwischen sind einige Jahre ins Land gegangen. Meine zahlreichen papiernen Freunde haben sich mit dem neumodischen jungen Spund inzwischen arrangiert und ich habe ihm sogar einen zweiten jungen Spund mit noch mehr technischem Wissen und Können an die Seite gestellt. Dieser Jüngste unter meinen Freunden kann sogar mit Farben malen, er kann Spiele mit mir spielen, wir können zusammen Filme ansehen oder gemeinsam ins Internet schauen und er kann mir sogar beim Briefeschreiben an meine Freunde aus Fleisch und Blut helfen. Dieser neue elektronische Freund mit seinem kindlichen Spieltrieb heißt „Kindle Fire HD“. Ist der Name nicht passend? Ja, genau, er zeichnet sich nicht nur durch seinen kindlichen Spieltrieb aus, der mich immer wieder ansteckt, er hat auch jugendliches Feuer in schönster Auflösung, die mich doch ein wenig fasziniert. An ein gebundenes wohlduftendes Buch kommt er trotzdem nicht heran, nein dazu fehlt ihm noch einiges. Ich weiß auch nicht, ob er jemals den Charme eines gebundenes Buches erreichen kann.

Egal, wir alle sind inzwischen gute Freunde geworden und kommen exzellent miteinander aus. Meine alten Freunde bekommen immer noch einmal wunderhübsch gebundenen Zuwachs und das freut sie ganz besonders. Sehen sie doch daran, dass sie für mich immer noch etwas ganz Besonderes sind und dass diese alte und tiefe Freundschaft zwischen uns niemand zerstören kann. Auch wenn mich die beiden jungen Spunde überall hin begleiten dürfen – sei es zum Arztbesuch, in den Garten, an den Strand und in den Urlaub, auch wenn immer einer von ihnen an meiner Seite ist, sind die Zwiesprachen mit meinen alten Freunden immer noch geblieben. Es gibt eben Freunde, zu denen man eine ganz besondere Beziehung hat, die unvergleichlich schön ist, die man nie und nimmer missen mag. Wenn man sie nicht um sich hat, ist man unglücklich, fühlt sich allein, einsam, verlassen. Sie gehören einfach zum eigenen Leben dazu wie … ja wie Luft und Liebe und vielleicht ab und zu etwas zu essen. Ohne sie wär mein Zuhause nicht mein Zuhause.

Ein solches Buch, das ich gern zu meinen alten Freunden ins Regal stellen würde, ist „Das Meer in Deinem Namen“ von Patricia Koelle. Ich habe es bereits gelesen als Patricia es in Ihrer Online-Romanwerkstatt geschrieben hat.

04-Kindle Fire HD mit Buch

Dieser Titel mit dem Meer hatte mich ganz einfach neugierig auf das Buch gemacht. Als ich dann bei Patricia las, dass es eine Online-Romanwerkstatt gibt und man sie, Patricia, sozusagen beim Schreiben beobachten kann, habe ich diesem Angebot natürlich nicht widerstehen können. … und was soll ich sagen? Ich bin nicht enttäuscht worden. Ungeduldig wartete ich jeweils auf das nächste Kapitel. Inzwischen ist das Buch um Carly, Thore, Henny und Joram fertig und als E-Book erschienen. Wer schon einmal ein Buch von Patricia Koelle gelesen hat, weiß, wie wunderbar sie mit Worten spielen und malen kann, wie wundervoll bildhaft sie ihre Worte zu Sätzen und die Sätze zu Geschichten formt. Das allein schon ist es wert, dieses Buch zu lesen. Wenn man noch dazu das Meer mag und schöne und romantische Geschichten liebt, dann sollte man es einmal mit diesem Buch versuchen. Mir hat es sehr gefallen, und es ist ein Buch, das eigentlich mehr verdient hat, als nur als reines E-Book zu erscheinen. Man möchte es immer wieder zur Hand nehmen und in die Poesie dieses Buches eintauchen. Man möchte Carly an den Strand begleiten, mit ihr im Garten von Naurulokki, dem kleinen Haus an der Ostsee, in dem Carly einige Wochen verbringen darf, sitzen und die Welt vergessen oder man möchte nur einfach selbstvergessen im Buch blättern. Für mich ist der einzige Wermutstropfen dieses Buches, dass es zuerst als E-Book erschienen ist. Ich würde es viel lieber als gebundene Ausgabe in meinem Bücherregal stehen sehen. Es würde sich gut in der Reihe meiner alten Freunde machen, denn es ist mir bereits jetzt wie ein guter Freund ans Herz gewachsen und ich freue mich auf die beiden nächsten Bücher über Carly und ihre Freunde, denn Patricia hat versprochen, dass wir Carly noch weiter durchs Leben begleiten dürfen. Wer mehr über „Das Meer in Deinem Namen“ erfahren möchte, kann gern bei Patricia Koelle schauen – dort gibt es Leseproben und kleine Diskussionsrunden zur Naurulokki-Trilogie. Inzwischen gibt es auch einige Rezensionen zum Buch, die hier angeschaut werden können.

Ich kann dieses Buch ohne Vorbehalte jedem empfehlen. Beim Lesen wird man förmlich in die Geschichte hineingesaugt, man lebt mit Carly und ihren Freunden, hofft und bangt mit ihnen. Das Buch macht einfach Freude, es ist wie eigenes Erleben. Ich finde, man muss es gelesen haben.

Hier noch ein kleiner Nachtrag: Wie ich inzwischen aus erster Hand weiß, wird „Das Meer in Deinem Namen“ in etwa drei Wochen als Taschenbuch erscheinen. Für alle, die Patricia Koelles Bücher lieben, ist das sicher eine ganz besonders schöne Nachricht. So können auch die Leser an Carlys Geschichte teilhaben, die sich noch nicht unter die E-Book-Leser gemischt haben. Für mich selbst aber könnte das Zuwachs bei meinen alten Freunden bedeuten. Schön, dass wir nicht allzu lange auf einen raschelnden und gut duftenden Freund warten mussten.

Um mein Namensgedächtnis war es leider schon immer schlecht bestellt. Schriftstellernamen konnte ich mir allerdings seit jeher erstaunlich gut merken. Ob das mit den Schriftstellernamen nun berufsbedingt so ist, will ich einmal dahingestellt sein lassen. Vielleicht hängt es eher damit zusammen, dass ich unwahrscheinlich gern lese und somit der Name des Schriftstellers in einem anderen Fach in meinem Kopf als ein ganz gewöhnlicher Name abgespeichert wird. Was ich damit sagen will, ist, andere Namen waren und sind oft Schall und Rauch für mich. In diesem Falle hat das wohl auch weniger mit meinem schon etwas fortgeschrittenen Alter zu tun. Diesen Namensschwund aus meinem Kopf kenne ich bereits seit meiner frühen Jugend. Wahrscheinlich meint mein Hirn, sich mit so etwas nicht belasten zu müssen. Manchmal nahm dieses Phänomen schon erstaunlich peinliche Züge an. Eigentlich sollte einer Bibliothekarin so etwas nicht passieren dürfen. Sie sollte, da sie täglich von morgens bis abends mit Namen überflutet wird, damit erstaunlich gut zurechtkommen können. Aber diese eine hier hat damit so ihre Probleme und wenn sie einmal einen Namen behält, kann derjenige mit Recht sehr stolz darauf sein.

Ein ganz lieber Kollege aus einer anderen Abteilung unserer übergeordneten Einrichtung kam gern und oft in unsere Bibliothek. Eines schönen Tages öffnete sich, wie so oft in unserer Bibliothek, die Tür und besagter Kollege schaute herein. Gerade mit diesem Kollegen habe ich mich immer gern und viel unterhalten und wir kannten uns eigentlich recht gut. Doch an diesem Tag war alles anders. Schon, als er zur Tür hereinkam, grübelte ich über seinen Namen nach. Mir fiel zwar ein, wie er mit Vornamen hieß, aber der Zuname war weg, wie weggeblasen. Ich dachte dann, na egal, ich muss ihn ja nicht ansprechen. Nachdem besagter Kollege ein wenig in den Bücherregalen herumgestöbert hatte, kam er zu mir und setzte sich auf einen Stuhl neben den Ausleihtresen. Wir unterhielten uns eine ganze Weile nett miteinander, er gab einige Bücher, die er ausgeliehen hatte, wieder ab, hatte aber keine neuen gefunden, die er mitnehmen wollte. Ich dachte noch, dass ich später nach seinem Konto suchen kann, um die eben abgegebenen Bücher zurückzubuchen. Damals, als sich diese Geschichte ereignete, hatten wir noch keine Online-Verbuchung, ich hätte also in den Benutzerkonten nach seinem Zunamen suchen müssen. Der Vorname, der mir da eingefallen war, nützte in diesem Falle herzlich wenig. Hätte mein Kollege neue Bücher mitgenommen, hätte er einen Leihschein ausfüllen müssen und da hätte er seinen Namen selbst drauf geschrieben. Das wäre also kein Problem für mich gewesen. Aber nein, er wollte nun auch noch wissen, ob er denn bei uns noch Bücher ausgeliehen hätte oder ob sein Konto leer wäre. Nun MUSSTE ich also in sein Konto schauen, ob ich wollte oder nicht. Da er ein mir sehr wohl bekannter Kollege war, wollte ich nicht nach seiner Benutzerkarte fragen, denn eigentlich sollte ich wissen, wie er heißt und ich wollte nicht als unhöflich und bürokratisch erscheinen. So saß ich also da, schaute ihn an und grübelte darüber nach, mit welchem Scherz ich nun meine Gedächtnislücke vertuschen könnte. Mir fiel nichts ein. Er schaute mich an und wartete darauf, dass ich seine Frage beantwortete, was ich aber nicht tat. Ich schaute ihn nur grübelnd an und versuchte mich zu erinnern. Plötzlich grinste er und sagte schelmisch: “Sie wissen gerade meinen Namen nicht, oder?” Ich wurde bestimmt abwechselnd rot und blass und gestand, dass dem so wäre. Er lachte laut und meinte, dass ihm so etwas andauernd passieren würde. Mir war das unheimlich peinlich, dass mich mein Gedächtnis so im Stich gelassen hatte, auch wenn ihm so was angeblich andauernd passieren würde. Für mich jedoch war das kein Trost. Es war mir mehr als unangenehm.

Im Laufe der Jahre rettete mich der Fortschritt vor solchen Gedächtnislücken. Bei der Onlineverbuchung, die irgendwann in unserer Bibliothek eingeführt wurde, wird unter anderem der Barcode des Nutzers für die Verbuchung von Medien benötigt, sodass der Bibliothekar ohnehin nach der Chipkarte fragen muss. Dieses kleine Kärtchen rettete mich in der Folge aus so manch peinlicher Situation. Es lebe der Fortschritt 😉

Heute gibt es ein Leseabenteuer der besonderen Art zu bestehen, ein Leseabenteuer für Bibliothekare oder solche, die es werden wollen, oder vielleicht einmal waren oder um Himmels Willen nie werden wollten, aber zu diesem Beruf, warum auch immer, gezwungen wurden. Zu dem herzigroten Buch nur so viel: Ich jedenfalls habe mich köstlich amüsiert.

Darin werden Dinge beschrieben, die ich so oder anders in meinem Berufsleben selbst oder anders erlebt habe, Dinge, die ich gern einmal erlebt hätte, aber auch solche, die ich nie, aber wirklich niemals, würde erleben wollen und wiederum solche, die ich nur vom Hörensagen kenne, für höchst unwahrscheinlich, aber auch wiederum für höchst wahrscheinlich halte. Darin ist von möglichen und unmöglichen Geschehnissen die Rede und von Bibliothekswesen, die es so bestimmt nicht gibt und andererseits kommen sie ganz bestimmt so vor. Ich bin mir sicher!

Kurz und gut, man muss es einfach selber lesen und man wird verblüfft darüber sein, welch seltsames und zugleich wunderbares, aber auch wundersames, Wesen so ein Bibliothekar ist – egal, ob er in freier Wildbahn, daheim oder in seiner oder gar einer fremden Bibliothek vorkommt. Los, Ihr Bibliothekswesen, lest selbst und sagt nicht, das wäre alles nur erlogen. Das geht gar nicht, das kommt alles in unserer Welt immer und überall vor, besonders in, auf, über und unter Bibliotheken. Das sind Geschichten, die nur das Leben schreibt.

… und nun … spannende Unterhaltung … und nicht lachen! Das ist der Ernst des wirklichen Lebens!

… und hier noch einmal zum Mitschreiben die bibliographischen Daten: „BibLibido : eine Liebeserklärung für Bibliothekare / von Guido Stoye u. Tina Schönfelder. Ill. v. Alexander Süß. Nach e. Idee v. Andrea Nikolaizig. – Berlin : BibSpider, 2007. – 137 S. – ISBN 978-3-936960-21-1

PS: Wenn man dieses Prachtexemplar von Buch nicht mehr käuflich erwerben kann, weil es vergriffen sein sollte, geht in eine Bibliothek. Vielleicht kann man es dort ausnahmsweise einmal ausleihen, es sei denn, es steht in einem Verschlussmagazin. Aber auch da hinein führen Wege – ganz sicher!

„Stilvolle Stille“ – so ist ein Artikel in der „Apothekenumschau“ vom 1. Dezember 2011 überschrieben. Um mich mit einigen Medikamenten gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit wieder neu auszurüsten – für den Fall der Fälle, hatte ich der Apotheke meines Vertrauens einen Besuch abgestattet. Ich bekam mein Gesundheitspäckchen in einer kleinen Tüte überreicht, in der nicht nur die gewünschten Medikamente schlummerten, nein ich bekam zusätzlich ein kleines Papiertaschentuchgeschenk und die „Apothekenumschau“. Zuhause angekommen, stellte ich die Medikamente in unser kleines Schränkchen, in dem wir all diese Dinge, die im Bedarfsfalle die Gesundheit wieder herstellen sollen, aufbewahren. Das Plastiktütchen legte ich auch weg, vielleicht fand es noch einmal eine zweite Verwendung. Die Papiertaschentücher wanderten sogleich in meine Handtasche, denn da sind sie gut aufgehoben und zuweilen tummeln sich dort gleich mehrere von diesen Packungen. Ein Papiertaschentuch ist bei mir selten allein. Dann blieb da noch diese „Apothekenumschau“, die ich erst einmal in den Zeitungsständer verbannte. Im Moment hatte ich keine Zeit und auch keine Ruhe, um mich durch verschiedene Krankheiten, die mir drohen könnten, durchzuarbeiten. Dort lag und lag und lag das Blättli und wartete auf seine Leserschaft, die sich einfach nicht um seinen interessanten medizinischen Inhalt kümmern wollte.

Doch eines Tages saß Frau Silberdistel des Morgens noch bei einem Tässchen Tee am Frühstückstisch, ihr Gatte hatte sich bereits wieder an seinen PC zurückgezogen, und  ihr Blick fiel unerwartet auf besagte „Apothekenumschau“. Zögerlich griff Frau Silberdistel zu der so lang verschmähten Zeitschrift und begann zu lesen. Sie las etwas über Alkoholentzug, nicht glaubend, dass sie dieses Wissen einmal brauchen würde, blätterte über den Schönheitsschlaf zu Kosmetiktipps und Suppen, was schon interessanter war. Schließlich hatte sie sich bis auf Seite 100 vorgearbeitet, wo sie die Überschrift „Stilvolle Stille“ las und sich sofort zuhause fühlte. Sie las von einer Elisa Nitzsche folgende Worte: „Trübes Wetter, matschige Straßen und dann auch noch der weihnachtliche Einkaufsstress – der Dezember kann ganz schön aufreibend sein. Um so wichtiger ist es, die täglichen Belastungen auszusperren und zu innerer Ruhe zu finden. Ein idealer Ort, dem Alltagsstress zu entfliehen und stilvoll abzuschalten, sind Bibliotheken. Sie waren als Zeichen von Wohlstand und Wissen einst Geistlichen, Gelehrten und dem Adel vorbehalten. Einge alte Bibliotheken sind heute prachtvoll und mit viel Liebe zum Detail restauriert und einem breiten Publikum zugänglich.  …“

Also, nichts wie hin in die Bibliothek Eures Vertrauens oder in eine diese wunderhübschen uralten Bibliotheken – wegen der Entspannung, weil es Interessantes zu sehen gibt, dort so wundervolle Ruhe herrscht und weil man vielleicht noch Lektüre für die freien Weihnachtstage mitnehmen kann, um bei einem Buch den ganzen Weihnachtsstress hinter sich zu lassen, denn wer weiß, ob man ein Buch geschenkt bekommt.

Wer hätte gedacht, dass man das in einer „Apothekenumschau“ findet, Frau Silberdistel nicht, obwohl, eigentlich ist es irgendwie naheliegend wegen der Ruhe, die Bibliotheken im Normalfall ausstrahlen.

„Sechs der schönsten Bibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz versprechen eindrucksvolle Auszeiten,“ so noch einmal Frau Elisa Nitzsche. Um welche Bibliotheken es sich hierbei handelt, kann man gern in dem hier genannten Blatt erfahren oder man wartet ein wenig und Frau Silberdistel kommt nach und nach auf die einzelnen Bibliotheken zu sprechen. Als erste Bibliothek sei hier die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel vorgestellt:

Die Herzog August Bibliothek oder „Bibliotheca Augusta“ wurde 1572 von Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg gegründet. Berühmt wurde die Bibliothek allerdings erst durch den Herzog August der Jüngere, der schon in früher Jugend voller Leidenschaft Bücher sammelte. 1635 wurde er Regent in Wolfenbüttel und in dieser Eigenschaft ließ er wertvolle und interessante Bücher in ganz Europa für die Bibliothek in Wolfenbüttel kaufen, sodass ihr Bestand 1666, als Herzog August der Jüngere starb, 135 000 Titel umfasste. Damit verfügte diese Bibliothek über eine der umfangreichsten Büchersammlungen zur damaligen Zeit und zugleich über ganz exquisite Werke, da der Herzog nur das Beste und Modernste für seine Bibliothek kaufen ließ.

Im Laufe der Jahrhunderte kamen viele private Schenkungen hinzu. Bedeutende Gelehrte schätzten sich glücklich, wenn ihre Werke in den Bestand dieser so berühmten Bibliothek einmal aufgenommen werden würden. Heute umfasst der Bestand der „Bibliotheca Augusta“ rund 850 000 Titel. Die Bibliothek besitzt nach wie vor national und international wegen ihrer bedeutenden Sammlungen und auch als Forschungsstätte hohes Ansehen.

In der Herzog August Bibliothek waren so berühmte Persönlichkeiten wie Gotthold Ephraim Lessing und Gottfried Wilhelm Leibnitz als Bibliothekare tätig.

Ich stehe vor der Tür zu unserer Ausleihe und telefoniere gerade mit einer meiner Töchter. Vor mir stehen und liegen diverse Kartons, deren Inhalt mir irgendwie nicht ganz klar ist. Sie purzeln mir andauernd durcheinander und versperren die Eingangstür zum Ausleihraum. Ich versuche, ihrer wegen des Handys in meiner linken Hand nur mit meiner rechten Hand Herr zu werden, was mir aber nicht zu gelingen scheint. Nebenher muss ich mich den Worten meiner Tochter widmen, schweife mit meiner Aufmerksamkeit allerdings immer wieder ab, weil diese Kartons sich einfach nicht bändigen lassen wollen. Plötzlich geht hinter mir die Tür auf und mehrere Nutzer stürmen auf den Flur, kommen auf mich und die Kartons zu und wollen durch die Tür, die ich gerade mit den Kartons, die immer mehr zu werden scheinen, versperre. Meine Tochter erzählt mir weiter eine wichtige Sache, die ich aber nicht so ganz mitbekomme, weil ich mich nun auch noch auf die Bibliotheksbesucherschar konzentrieren muss. Die versammelten Nutzer fragen mich, ob denn die Bibliothek heute geschlossen ist. Ich verneine das und schiebe weiter hektisch mit den Kartons umher, die aber einfach nicht von der Tür wegzubekommen sind. Dann fragt ein hinter mir stehender Nutzer, ob er denn mal vorbei dürfe. Ich wundere mich, was er von mir will, versuche dann aber, den Türdrücker zu erreichen, um die Tür zu öffnen. Unter Anstrengung, nebenher mit Telefon und Kartons kämpfend, bekomme ich endlich den Türdrücker zu fassen, der mir aber sogleich wieder zu entgleiten scheint. Endlich habe ich ihn gepackt. Seltsamerweise kann ich aber die Tür nicht öffnen. Wo ist meine Kollegin? Ist hier noch abgeschlossen? Habe ICH etwa Ausleihdienst? Irritiert sage ich zu den Wartenden: „Ich habe den Schlüssel vergessen. Moment bitte, ich muss ihn erst holen.“ Ich lasse Kartons Kartons sein und eile in meinen Arbeitsraum, der sich merkwürdigerweise heute in einem Nebengebäude befindet. Das Gespräch mit meiner Tochter muss ich beendet haben. Allerdings bin ich mir dessen gar nicht so recht bewusst, wann und wie das geschah und was sie mir eigentlich erzählen wollte. Mit leichter Verwunderung frage ich mich, mit welcher meiner beiden Töchter ich eigentlich gesprochen habe.

Als ich meinen Arbeitsraum betrete, sind meine Kolleginnen gerade damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten. Ich sehe, dass das Abwaschbecken rundherum mit Tischen zugestellt ist und sage: „Oh, das muss ich gleich einmal anders hinstellen. Da kommt man ja gar nicht durch.“ Meine Kolleginnen scheinen mich nicht wahrzunehmen und wuseln seltsam nervös hin und her. Ich suche nach den Schlüsseln für die Ausleihe. Niemand antwortet mir auf die Frage, ob jemand weiß, wo die Schlüssel für den Ausleihraum sind. Irgendwann ruft eine mir unbekannte Stimme, dass das Frühstück fertig ist. Ich setze mich an den Tisch, trinke meinen Tee und esse irgendetwas, von dem ich im Nachhinein nicht mehr sagen kann, was es war. Schließlich beenden wir die Frühstückspause, ich will mich dem Abwasch widmen, da fällt mir ein Schlüsselbund vor die Füße. Ich hebe es auf, schaue es an und wundere mich, dass die Schlüssel daran alle gleich aussehen und überlege, welcher davon wohl für die Ausleihtür passt. Plötzlich fällt mir voller Schrecken ein, dass ich ja zurück zur Ausleihe wollte, um die Tür aufzuschließen. Dort warten mehrere Nutzer. Entsetzt frage ich mich, wie lange ich hier wohl schon herumgesessen und nicht an die wartenden Nutzer gedacht habe. Ich greife nach dem Schlüsselbund, weiß immer noch nicht, welcher Schlüssel davon passen kann, und hetze los zur Ausleihe, kann einen kleinen panischen Aufschrei nicht vermeiden und … werde endlich wach.

Ganz erleichtert atme ich durch. Das war nur ein Traum. Welch Glück! Allerdings frage ich mich nun, warum keiner von den Nutzern, die vor der Ausleihtür warteten, zu uns in den Arbeitsraum gekommen ist und gefragt hat, warum denn heute keiner die Bibliothek öffnet. Stehen sie dort  noch immer oder sind sie einfach wutentbrannt gegangen? Ich bemühe mich, wieder einzuschlafen, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Zu dumm, ich kann einfach nicht mehr einschlafen, doch dann nicke ich noch einmal weg und … und höre aus der Ferne Musik, die langsam lauter wird … Was ist denn da in der Bibliothek los? Woher kommt diese Musik? Ich verstehe das nicht … Oh, ich werde langsam wieder wach, ich muss aufstehen, der Radiowecker … die Bibliothek …

Wir alle wissen, Bibliothekare sind manchmal etwas seltsam und mitunter sind sie auch durchaus etwas spitzfindig. Wenn man als normaler Leser oder Bibliotheksnutzer in eine Bibliothek kommt, sich Bücher, DVDs, CDs oder was der Bibliotheksfundus sonst so hergibt, ausleiht, ist das eine schöne Sache, vor allem sehr freundlich zur eigenen Geldbörse, in der mitunter zeitweilig oder dauerhaft eine recht angespannte Situation herrscht. Aber schließlich sind Bibliotheken dazu da, dass der lesebegeisterte Mensch Geld sparen kann, denn wer möchte und kann sich schon jedes Buch, das er unbedingt lesen möchte oder muss, immer gleich kaufen. Das müssen und können wahrscheinlich nur Bibliothekare selbst. Von denen sind etliche so dumm besitzgierig und meinen, jedes Buch, dass sie, warum auch immer, interessiert, selbst besitzen zu müssen, obwohl ihnen übertrieben gesagt, alle Bibliotheksbestände der Welt zu Füßen liegen … äh … zur Verfügung stehen. Wahrscheinlich stehen deshalb in ihrem Heim nur Bücher herum und sonst nichts, denn für die schönen Dinge des Lebens kann da ja dann wohl kaum noch Geld und Platz übrig bleiben. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Nun ist es nicht immer so, dass der Bibliotheksnutzer sich bei der Suche nach Büchern in der Bibliothek so beherrschen kann, dass er sich nur ein oder zwei Bücher aus dem reichhaltigen Angebot der Bibliothek heraussucht, um sie mit nach Hause zu tragen und dort in aller Ruhe innerhalb der entsprechenden Leihfrist zu lesen. Es gibt Nutzer, die suchen aus den Bibliotheksregalen ganze Berge von Büchern zusammen, stapeln sie auf den Ausleihtresen zwischen sich und das Bibliothekswesen, das hinter dem Tresen seinen bibliothekarischen Dienst tut, und versuchen oft, gleich die doppelte Leihfrist herauszuschlagen, weil sie es beim besten Willen nicht schaffen können, das alles innerhalb der vorgegeben Leihfrist durchzuarbeiten. Nur, das Bibliothekspersonal ist da recht stur und beharrt unflexibel auf den üblichen vier Wochen Ausleihfrist, danach könne man weitersehen. So ist bereits vorprogrammiert, dass jener Nutzer diesen gewaltigen Bücherstapel in den seltensten Fällen innerhalb der normalen Leihfristen abarbeiten, sprich lesen, kann. Er muss wohl oder übel um Verlängerung der Leihfristen bitten, wenn er denn seine umfangreiche Lesetätigkeit auch zu ende führen möchte. Nun ist es zwar einerseits so, dass er eine Verlängerung in vielen Fällen selbst von zuhause aus über sein Onlinekonto vornehmen kann, andererseits lassen sich viele lieber höchstpersönlich in den heiligen Bibliothekshallen sehen, man könnte ja vielleicht gleich noch ein Buch mitnehmen, und sprechen mit Vorliebe folgenden Satz: „Ich möchte gern meine Bücher verlängern lassen.“ In der Regel wird die Bitte ohne Kommentar des Bibliothekspersonals anstandslos erfüllt, obwohl jedes Bibliothekswesen diesen SO gesprochenen Satz gedanklich analysiert und gern gegen eine derartige Formulierung Einspruch einlegen möchte. Es kribbelt förmlich auf der Zunge, im letzten Moment schluckt der Bibliotheksmensch seine kleinen Bevormundung des Nutzers aber dann doch schnell hinunter, denn Höflichkeit gehört mit zum Handwerk des Bibliothekspersonals.

Eines schönen Tages steht vor mir ein Nutzer, ernst, fast böse schauend, als würde ich ihm gleich sein Lieblingsspielzeug Buch wegnehmen wollen und spricht jene verhängnisvollen Worte: „Verlängern Sie mir das Buch bitte noch einmal?“ Ich schaue auf ein Exemplar von Umberto Ecos Buch „Das Foucaltsche Pendel“, das mit knappen 800 Seiten doch eine beachtliche Länge aufweist, und frage vorlaut: „Ach, ist ihnen dieses Buch nicht lang genug?“ Das finstere Gesicht schaut erst irritiert, dann leuchtet es ganz langsam wie eine Sonne auf und ein hübsches Lächeln breitet sich darauf aus. Mein Gegenüber sagt, jetzt schon richtig lachend: „Oh, es ist mir fast zu lang, das Buch kann so bleiben, aber, wenn nichts dagegen spricht, könnten Sie mir die Leihfrist für das Buch noch etwas verlängern.“ Ich verlängere die Leihfrist um weitere vier Wochen und mein Nutzer verlässt mit einem Lächeln auf den Lippen die Bibliothek. Ich sitze hinter meinem Tresen und lächle einerseits still vor mich hin und andererseits bin ich froh, dass der Satz, der mir so vorschnell aus dem Munde gerutscht ist, auf einen humorvollen Nutzer gestoßen ist, obwohl er zunächst gar nicht so aussah, so finster, wie er zu Anfang dreingeblickt hatte. Das hätte ebenso nach hinten losgehen können, weil sich jemand hätte von dieser blöden Bibliothekarin belehrt oder bevormundet fühlen können.

Merke: Bücher werden nicht verlängert – LEIHFRISTEN werden verlängert! Während meines Studiums wurde ich einmal streng auf diesen frappierenden Fehler, den ich in einer schriftlichen Arbeit gemacht hatte, hingewiesen, schließlich wollten wir Bibliothekare werden und als solcher könne man nicht derartigen Unsinn schreiben.  *schäm* Das dürfen sich nur die Nutzer leisten und da, und nur da, sehen wir großzügig über diesen Fehler hinweg.

Nach meinem Studium habe ich mein bibliothekarisches Dasein in einer kleinen technischen Bibliothek begonnen. Um die Bücher einer ehemaligen Ingenieurschule hatte sich ursprünglich einer der Fachschuldozenten dieser Schule gekümmert, den man für seine eigentliche Lehrtätigkeit so nicht mehr einsetzen wollte oder konnte. Der wahre Grund wird uns wohl für immer verborgen bleiben. Dieser Dozent also hatte den vorhandenen Buchbestand nach seinen eigenen Vorstellungen sortiert und seine ureigenen Kataloge dafür aufgebaut, damals noch Zettelkataloge, d. h. dass die einzelnen Buchtitel auf Katalogkarten erfasst waren. Wir bewegen uns hier also in graue Vorzeiten zurück. Besagter Dozent hatte nur wenig Bezug zu bibliothekarischer Arbeit, entsprechend viel Phantasie musste man haben, um sich in seinem Katalogwerk zurechtzufinden. Allerdings musste man anerkennen, dass er überhaupt versucht hatte, in diese bis dahin brachliegenden Bücherberge eine irgendwie geartete Ordnung zu bringen. Tatsache ist, dass wir diesen von ihm erarbeiteten Katalog noch lange behelfsmäßig benutzen mussten, um all die Literatur, die in der Bibliothek überhaupt vorhanden war, unseren Bibliotheksnutzern zugänglich machen zu können. Unsere kleine ehemalige Fachschulbibliothek mauserte sich recht bald Dank der Initiative des neuen Bibliotheksdirektors und seiner fleißigen Mitarbeiter zu einer durchaus respektablen technischen Fachbibliothek. Als ich auf der Suche nach einer Praktikumsbibliothek für mein letztes Studienjahr war, hörte ich von meinen alten Herrschaften, dass in dieser neuen technischen Bildungseinrichtung in meiner Heimatstadt noch Mitarbeiter für die Bibliothek gesucht würden. Das passte natürlich gut in meinen Plan. Ich bewarb mich, durfte mich vorstellen und schon wurden wir uns einig – man wollte mich nehmen.

Ich war, würde ich nach meinem Praktikum an dieser Bibliothek bleiben, für den Bereich Geschäftsgang vorgesehen und dort für die Titelerfassung. So hatte ich praktisch von Anfang an auch mit diesem ominösen Katalogwerk von dem bewussten Herrn Dozenten zu tun. Ich hatte kaum mein Praktikum begonnen, als meine direkte Vorgesetzte für längere Zeit aus gesundheitlichen Gründen ausfiel und der Arbeit für mehrere Monate fernbleiben musste. So war ich, die kleine Praktikantin, auf mich allein gestellt, denn bis dahin hatte sich nur meine Chefin um die Titelerfassung gekümmert. So musste ich, gleich ins kalte Wasser geschubst, sehen, wie ich allein mit dieser Aufgabe fertig wurde. Da der gesamte Buchbestand nach und nach umgearbeitet werden sollte, musste ich mich auch tiefgründig mit diesem alten selbst gebastelten Katalog befassen. Das konnte ich bald so gut, dass, wenn es Probleme gab, die kleine Praktikantin zu Rate gezogen wurde. Ich hatte irgendwann begriffen, wie unser Kataloglebauer gedacht hatte und zu welchen Konsequenzen das dann für die Katalogstruktur geführt hatte. Er hatte  alles, was er für seine Begriffe nicht einem speziellen Fachgebiet zuordnen konnte, als „Allgemeines“ betrachtet. Wenn er beispielsweise ein Buch systematisieren musste, das im Großen und Ganzen zum Fachgebiet „Physik“ gehörte, mehrere spezielle Themen der Physik behandelte oder aber ein Thema abhandelte, das im weitesten Sinne irgendwie mit Physik zu tun hatte, dann gehörte das nach seiner Auslegungsart zum Sachgebiet „Physikalisches“. Ich hatte diese Denkweise bald verstanden und wusste, wenn ich im „alten“ Sachkatalog nach einen Buch suchte, das ich selbst nicht konkret zuordnen konnte, weil mir diese technischen Ausdrücke rein gar nichts sagten, war die Chance, es bei „Physikalisches“ zu finden, relativ hoch. Meine älteren Kollegen bewunderten mich fast für diese „Kunst“, mich in dem Katalog, vor dem es jeden grauste, so gut zurechtfinden zu können.

Eines schönen Tages kam einer unseres Stammleser des Wegs und machte eine meiner Kolleginnen auf einen offensichtlichen Fehler in dem „alten“ Katalog aufmerksam. Er hatte „Das Handbuch für Kanoniere“ unter der Sachgruppe „Völkerrecht“ gefunden. Die Kollegin kam lachend zu mir in den Arbeitsraum und bat mich, mich einmal um den Leser und seinen Hinweis zu kümmern. Ich musste auch darüber lachen, dass man zwischen dem Völkerrecht und dem „Handbuch für Kanoniere“ eine Beziehung herstellen konnte. Militärwesen gab es in diesem Katalog nicht, weil unsere Bibliothek militärische Literatur so gut wie nicht in ihrem Bestand hatte. Dieses Buch musste aber irgendwie im System des vorhandenen Sachkataloges untergebracht werden. Dafür extra eine neue Sachgruppe „Militärwesen“ zu eröffnen, fand unser ehemaliger Kataloggestalter sicher unsinnig, aber „Völkerrecht“ war ohnehin vorhanden. Da passte das Buch irgendwie von der Thematik her hinein, auch, wenn man es etwas zwingen musste. So stand es da nun einsam und fremd beim Völkerrecht herum. Ich erlöste es dann alsbald und steckte es dorthin, wo es hin gehörte, denn unsere Bibliothek hatte inzwischen einen neuen umfangreichen und gut gegliederten Systematischen Katalog, in dem ich auch ein Plätzchen für die „Kanoniere“ fand.

Jener Stammleser kam übrigens noch oft in die Bibliothek und freundete sich irgendwann mit dieser jungen Bibliothekarin an, so gut sogar, dass er sie eine ganze Weile nach diesem „Völkerrechtsproblem“ fragte, ob sie ihn wohl würde heiraten wollen. Aus der Praktikantin war inzwischen eine vollwertige Bibliotheksmitarbeiterin geworden, die dem Stammleser immer wieder einmal bei seiner Suche nach Literatur hilfreich zur Seite stand. Da die Zusammenarbeit nicht nur in Bibliotheksfragen recht gut funktionierte, sondern auch im wirklichen Leben, fand sie die Idee nicht direkt schlecht und sagte: „Ja.“

P.S.: Wer schon immer einmal wissen wollte, wo diese verstaubten Bibliothekarinnen eigentlich ihre bessere Hälfte kennengelernt haben, der weiß es nun – in der Bibliothek natürlich. 😉 Wo auch sonst?