Mit ‘Bibliothek’ getaggte Beiträge

Am letzten Samstag war hier bei uns wunderschönes Gartenwetter. Da musste der Garten gar keine Lockrufe nach der Gärtnerin aussenden, sie ging ganz freiwillig in den Garten und werkelte dort fleißig umher. Der Geräteschuppen musste auch wieder einmal inspiziert werden. Nach einem kurzen Blick in das kleine Heiligtum der Gärtnerin war klar, dass hier Ordnung einkehren musste. Bevor man seinen Garten in Schuss bringt, sollte man besser auch das notwendige Handwerkszeug übersichtlich anordnen, um nicht ständig aufwändige Suchereien veranstalten zu müssen. Der frühe Winterbeginn hatte dazu geführt, dass die Silberdistel alles, was trocken und sicher über die kalte und nasse Jahreszeit kommen musste, in den kleinen Geräteschuppen getürmt hatte. Die Hauptsache war, dass alles schnell ging, bevor es ganz unter den drohenden Schneemassen verschwand. Dabei war es völlig unwichtig, ob es ordentlich und übersichtlich lag oder nicht. Für solche Ordnungsarbeiten wäre später immer noch Zeit. Ja, und wie das mit solchen Dingen ist, die man schnell und provisorisch erledigt, sie fallen einem irgendwann wieder auf die Füße. Wenn man Pech hat, tun sie es im wahrsten Sinne des Wortes. Inzwischen sind wir nämlich schon lange bei dem bewussten „Später“ angekommen. Seltsam, wie schnell die Zeit vergeht. Bevor also der Silberdistel nun tatsächlich noch etwas auf die Füße fallen würde, machte sie sich an die Arbeit und schaffte Ordnung unter all den gärtnerischen Groß- und Kleingeräten. Frohen Mutes werkelte sie, ordnete hin, ordnete her und gestaltete um. Da plötzlich fiel ihr Blick auf ein kleines graues Gebilde, das dekorativ an der Innenseite der Schuppentür hing. Nanu, was war das denn? Noch in die Betrachtung einer interessanten grauen Kleinkunst vertieft, formte sich vor dem inneren Auge der Silberdistel ein anderes Bild – in einer Fensterecke ihres ehemaligen bibliothekarischen Arbeitszimmers hing ein ähnliches Bauwerk. Nur das graue Gebilde von damals war viel größer als dieses hier und das damalige war von zahlreichen Wespen umschwärmt. Hm! Hier im Schuppen ein Wespennest? Wenig begeistert schaute die Silberdistel das kleine Kunstwerk an. Ob man denn die Wespenkönigin noch überreden konnte, ihr Nest woanders zu bauen? Gute Frage! Aber bevor die Silberdistel mit der wespischen Hoheit ins Gespräch kommen wollte, beschloss sie, das Nest aufmerksam zu beobachten. Gab es denn überhaupt Flugverkehr vom und zum Nest? Seltsam war, dass die Silberdistel schon eine ganze Weile in ihrem kleinen Schuppen werkelte und nichts gehört hatte. Das Summen einer oder mehrerer Wespen wäre ihr doch ganz sicher nicht entgangen. Egal, das Nest stand erst einmal unter strenger Beobachtung. Es geschah allerdings nichts – rein gar nichts – kein Summen, kein Brummen, keinerlei Flugverkehr, außer vereinzelten verirrten Fliegen und Hummeln, die sich allerdings schnell wieder aus dem Staube machten, als sie dem stechenden Blick der Silberdistel begegneten.

Als die Distel nun des Abends endlich mit all ihren Arbeiten im und am Schuppen fertig war, konnte sie mit Gewissheit sagen, an dem noch recht unfertigen Wespennest war während der ganzen Zeit nichts passiert. Auch einen Tag später blieb das Nest so, wie es war, es schien unbewohnt zu sein. Also fassten die Silberdistels einen Entschluss. Sie pochten höflich an die kleine Eingangstür zum Nest, als nichts geschah,  entfernte Herr Silberdistel das graue Kunstwerk mit aller Vorsicht, denn es sollte ja nicht zerdrückt werden. Dazu war die Silberdistel viel zu neugierig. Sie musste das kleine Wespenzuhause doch noch untersuchen.
Während die Naturforscherin nun dieses kleine papierne Gebildes vor sich liegen sah, fiel ihr die Wespenkönigin ein, die sie Anfang April auf einem Krokus und ein Weilchen später auf einem Schneeglöckchen in ihrem Garten entdeckt hatte. Die Wespe machte damals nicht den besten Eindruck. Ganz träge krabbelte sie auf den Blumen umher. Der lange Winter und die immer noch vorhandene Kälte machten dem Insekt offensichtlich zu schaffen. Die dringend notwendige Nahrung fehlte scheinbar ebenso. War jene Wespenkönigin diejenige, die dieses kleine unfertige Nest zurücklassen musste? Neugierig geworden auf die Baukunst der Wespe öffnete die Silberdistel vorsichtig eine Schicht, dann eine zweite. Schließlich, ganz im Inneren, kam eine winzige Kinderstube zum Vorschein. Nur konnte die Wespenmutter offensichtlich ihre Kinder nicht mehr versorgen, da der lange Winter sie als Opfer forderte. Durch den Tod der Mutter war auch der Nachwuchs dem Untergang geweiht. Ein tragisches Ende für eine neue Wespengeneration.
Allerdings hatten die Silberdistels dadurch auf eine gewisse Art Glück, denn sie mussten sich ihren kleinen Geräteschuppen nicht mit dem Untermieter Wespe teilen. Sicher wäre das ein aufregender und bestechend interessanter Sommer geworden.

00-Bücherstapel Ein Buch, das man anfassen, in dem man blättern, dass man ins Bücherregal stellen und immer wieder einmal liebevoll anschauen kann und mit dem man mitunter Zwiesprache wie mit einem guten Freund halten kann, das ist für mich etwas ausgesprochen Schönes. Schon immer mochte ich Bücher, ich musste sie nicht unbedingt gleich, sofort und auf der Stelle lesen. Die Freude daran, dass ein Buch einfach nur da war, ich es in die Hand nehmen konnte, wann immer ich wollte, war und ist für mich ein schönes Gefühl. Es ist wie ein Freund, der mich in guten wie in schlechten Tagen begleitet, der mit mir weint, der mit mir lacht, der mir erklärt, was ich nicht weiß, der mir interessante, spannende, lustige, aufregende und manchmal auch traurige Geschichten erzählt, der mir wunderschöne Gedichte zuflüstert, der einzigartige Bilder für mich malt, die ich immer wieder anschauen und neu entdecken kann. Ist es nicht so, dass ein Buch all dieses kann?

… und dann? Dann drängte sich plötzlich neben diesen langjährigen geliebten Freund ein kleines elektronisches Gerät, das sich in der Größe eines Buches präsentierte und so tat, als wäre es nichts anderes als das, was unser papierner Freund schon immer für uns gewesen ist. Im Gegenteil, es meinte sogar, es wäre besser, weil es so viel mehr konnte. Es war hilfsbereiter als unser Freund mit den raschelnden Papierseiten. E-Book-ReaderEs fand schnell die Seite wieder, die wir zuletzt gelesen hatten. Da machte es nichts, wenn man vergessen hatte, ein Lesezeichen hineinzulegen. Auch wenn es hinausgefallen wäre, müsste ich nicht lange nach der Seite suchen, auf der ich mit dem Lesen stehengeblieben war. Es konnte mir Worte erklären, die ich nicht wusste, ich durfte in ihm herumschreiben und mir Notizen machen – mitten im Buch, egal ob Bibliotheksbuch oder nicht. Keine Bibliothekarin würde mich strafend anschauen oder gar ein Ersatzbuch wegen meiner Kritzeleien verlangen. Konnte einem nicht solch ein Freund mit so vielen technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten auch ans Herz wachsen, den anderen langjährigen gar verdrängen? Ich wehrte mich lange gegen ihn, denn der andere Freund, der hübsch gebundene, war mir in vielen Jahren ans Herz gewachsen. Ich konnte und würde ihn nie im Stich lassen. Er blieb und bleibt für mich der, zu dem ich immer eine ganz besondere und innige Beziehung haben werde, die mir niemand nehmen kann. Nur er kann mit seinen Seiten so wundervoll rascheln, flüstern, kichern und seinen unnachahmlichen Duft, den kann ihm auch niemand nehmen. Ich würde ihn immer und überall wiedererkennen. Trotzdem ich meinen Freund aus Papier über alles liebe, habe ich auch diesen anderen, der mich mit seinen vielen technischen Spielereien in Versuchung geführt hat, in mein Leben gelassen. Noch vor wenigen Jahren hätte ich das nie für möglich gehalten, doch irgendwie hat mich dieser jugendliche Held mit seinem Charme betört, immer wieder hat er mich charmant angelächelt, mir zugeflüstert, was er alles kann und mir versprochen, er würde meinen anderen Freund nicht verdrängen. Wir könnten doch auch zu dritt gute Freunde sein. Schüchtern schaute ich zu meinem Bücherregal hinüber und fragte: „Was meint Ihr? Wollen wir es mit ihm versuchen und schauen, ob er nicht zu viel versprochen hat?“

01-Freunde fürs Leben

Eines meiner Lieblingsbücher „Der Fremde von Barra“ von Fred Bodsworth, das mich schon lange begleitet, trat hervor und sagte: „ Versuchen wir es einfach einmal mit ihm. Vielleicht kann er, was wir nicht können und so ergänzen wir uns gegenseitig. Wäre das nicht wunderschön, wenn sich Altes mit Neuem gut ergänzen könnte?“ Erstaunt fragte ich: „Ihr würdet mir das nicht übelnehmen, wenn ich einen neuen Freund in mein Leben ließe?“ „Der Fremde von Barra“ blickte die Reihe seiner papiernen Gefährten entlang, dann schaute er wieder zu mir und sagte: „Sie würden den Neuen als Gefährten aufnehmen und ihn freundlich begrüßen. Vielleicht können wir alle noch viel von einander lernen.“

03-Kindle Fire HDSo geschah es dann. Eines Tages, es war zu meinem Geburtstag, trat ein neuer Freund in mein Leben. Sein Name war E-Book-Reader. Inzwischen sind einige Jahre ins Land gegangen. Meine zahlreichen papiernen Freunde haben sich mit dem neumodischen jungen Spund inzwischen arrangiert und ich habe ihm sogar einen zweiten jungen Spund mit noch mehr technischem Wissen und Können an die Seite gestellt. Dieser Jüngste unter meinen Freunden kann sogar mit Farben malen, er kann Spiele mit mir spielen, wir können zusammen Filme ansehen oder gemeinsam ins Internet schauen und er kann mir sogar beim Briefeschreiben an meine Freunde aus Fleisch und Blut helfen. Dieser neue elektronische Freund mit seinem kindlichen Spieltrieb heißt „Kindle Fire HD“. Ist der Name nicht passend? Ja, genau, er zeichnet sich nicht nur durch seinen kindlichen Spieltrieb aus, der mich immer wieder ansteckt, er hat auch jugendliches Feuer in schönster Auflösung, die mich doch ein wenig fasziniert. An ein gebundenes wohlduftendes Buch kommt er trotzdem nicht heran, nein dazu fehlt ihm noch einiges. Ich weiß auch nicht, ob er jemals den Charme eines gebundenes Buches erreichen kann.

Egal, wir alle sind inzwischen gute Freunde geworden und kommen exzellent miteinander aus. Meine alten Freunde bekommen immer noch einmal wunderhübsch gebundenen Zuwachs und das freut sie ganz besonders. Sehen sie doch daran, dass sie für mich immer noch etwas ganz Besonderes sind und dass diese alte und tiefe Freundschaft zwischen uns niemand zerstören kann. Auch wenn mich die beiden jungen Spunde überall hin begleiten dürfen – sei es zum Arztbesuch, in den Garten, an den Strand und in den Urlaub, auch wenn immer einer von ihnen an meiner Seite ist, sind die Zwiesprachen mit meinen alten Freunden immer noch geblieben. Es gibt eben Freunde, zu denen man eine ganz besondere Beziehung hat, die unvergleichlich schön ist, die man nie und nimmer missen mag. Wenn man sie nicht um sich hat, ist man unglücklich, fühlt sich allein, einsam, verlassen. Sie gehören einfach zum eigenen Leben dazu wie … ja wie Luft und Liebe und vielleicht ab und zu etwas zu essen. Ohne sie wär mein Zuhause nicht mein Zuhause.

Ein solches Buch, das ich gern zu meinen alten Freunden ins Regal stellen würde, ist „Das Meer in Deinem Namen“ von Patricia Koelle. Ich habe es bereits gelesen als Patricia es in Ihrer Online-Romanwerkstatt geschrieben hat.

04-Kindle Fire HD mit Buch

Dieser Titel mit dem Meer hatte mich ganz einfach neugierig auf das Buch gemacht. Als ich dann bei Patricia las, dass es eine Online-Romanwerkstatt gibt und man sie, Patricia, sozusagen beim Schreiben beobachten kann, habe ich diesem Angebot natürlich nicht widerstehen können. … und was soll ich sagen? Ich bin nicht enttäuscht worden. Ungeduldig wartete ich jeweils auf das nächste Kapitel. Inzwischen ist das Buch um Carly, Thore, Henny und Joram fertig und als E-Book erschienen. Wer schon einmal ein Buch von Patricia Koelle gelesen hat, weiß, wie wunderbar sie mit Worten spielen und malen kann, wie wundervoll bildhaft sie ihre Worte zu Sätzen und die Sätze zu Geschichten formt. Das allein schon ist es wert, dieses Buch zu lesen. Wenn man noch dazu das Meer mag und schöne und romantische Geschichten liebt, dann sollte man es einmal mit diesem Buch versuchen. Mir hat es sehr gefallen, und es ist ein Buch, das eigentlich mehr verdient hat, als nur als reines E-Book zu erscheinen. Man möchte es immer wieder zur Hand nehmen und in die Poesie dieses Buches eintauchen. Man möchte Carly an den Strand begleiten, mit ihr im Garten von Naurulokki, dem kleinen Haus an der Ostsee, in dem Carly einige Wochen verbringen darf, sitzen und die Welt vergessen oder man möchte nur einfach selbstvergessen im Buch blättern. Für mich ist der einzige Wermutstropfen dieses Buches, dass es zuerst als E-Book erschienen ist. Ich würde es viel lieber als gebundene Ausgabe in meinem Bücherregal stehen sehen. Es würde sich gut in der Reihe meiner alten Freunde machen, denn es ist mir bereits jetzt wie ein guter Freund ans Herz gewachsen und ich freue mich auf die beiden nächsten Bücher über Carly und ihre Freunde, denn Patricia hat versprochen, dass wir Carly noch weiter durchs Leben begleiten dürfen. Wer mehr über „Das Meer in Deinem Namen“ erfahren möchte, kann gern bei Patricia Koelle schauen – dort gibt es Leseproben und kleine Diskussionsrunden zur Naurulokki-Trilogie. Inzwischen gibt es auch einige Rezensionen zum Buch, die hier angeschaut werden können.

Ich kann dieses Buch ohne Vorbehalte jedem empfehlen. Beim Lesen wird man förmlich in die Geschichte hineingesaugt, man lebt mit Carly und ihren Freunden, hofft und bangt mit ihnen. Das Buch macht einfach Freude, es ist wie eigenes Erleben. Ich finde, man muss es gelesen haben.

Hier noch ein kleiner Nachtrag: Wie ich inzwischen aus erster Hand weiß, wird „Das Meer in Deinem Namen“ in etwa drei Wochen als Taschenbuch erscheinen. Für alle, die Patricia Koelles Bücher lieben, ist das sicher eine ganz besonders schöne Nachricht. So können auch die Leser an Carlys Geschichte teilhaben, die sich noch nicht unter die E-Book-Leser gemischt haben. Für mich selbst aber könnte das Zuwachs bei meinen alten Freunden bedeuten. Schön, dass wir nicht allzu lange auf einen raschelnden und gut duftenden Freund warten mussten.

Die Sonne lockt mich nun schon seit Tagen immer wieder in meinen Garten, um kleine Arbeiten zu verrichten. Es gibt so allerlei aufzuräumen, was ich im letzten Herbst einfach nicht mehr geschafft habe. Der Winter hatte es mit seinem Kommen zu eilig gehabt oder vielleicht war ja auch ich nur zu langsam oder zu unmotiviert gewesen, was die restlichen herbstlichen Gartenarbeiten betraf. So blieb also einiges liegen und war dann auch bald unter einer dicken Schneeschicht begraben. Grund genug für mich, es bis zum nächsten Frühjahr unter der weißen Pracht ruhen zu lassen.

Nun endlich, eigentlich sollte schon lange Frühling sein, hat Frau Holle sich zurückgezogen und hoffentlich mit ihrem Sommerschlaf begonnen. Die Jüngste ist sie schließlich auch nicht mehr. Ein wenig Ruhe und Erholung sollten ihr guttun, zumal sie sich Tage, Wochen und Monate unermüdlich abgerackert hat. Diese Arbeitswut! Was wohl in sie gefahren war? Aber nun lass es gut sein, Frau Holle, ruh Dich ordentlich aus, Du hast es Dir verdient.

Aber zurück zu meinem Garten. Es gibt zu tun – mehr als genug und es macht Spaß im Freien zu werkeln, die neuen Düfte einzusaugen, die Farben der Blumen rundum in sich aufzunehmen und den zaghaften Frühlingsgesängen der Vögel zu lauschen. Trotz Arbeit lasse ich es mir nicht nehmen, immer wieder dem emsigen Treiben der gefiederten Zweibeiner um mich herum zuzuschauen. Das Futterhaus ist noch gut gefüllt, denn bisher gab es immer noch Nachtfröste, die es der Sonne schwer machen, den eisigen Boden zu erwärmen und aufzutauen. So kann ich neben der Arbeit beobachten, wer alles Garten und Futterhaus besucht. Seit einiger Zeit kommen regelmäßig zwei Stare zum Futterplatz. Ob sie wohl vor einigen Wochen unter dem riesigen Starenschwarm waren, der wie eine marodierende Truppe über unseren Futterplatz hergefallen war? Vielleicht haben die beiden sogar da beschlossen, hier ganz in der Nähe zu bleiben, um das reichhaltige Nahrungsangebot noch eine Weile nutzen zu können. Wo es reichlich Futter gibt, kann man doch sicher auch gut den Nachwuchs aufziehen. Dass die Körnerbar nun bald wieder geschlossen wird, ahnen sie sicher noch nicht. Aber auch so wird der Garten genug Nahrung für sie bereithalten.

Cover Star im ApfelbaumIch bin gerade dabei, einige Sträucher auszulichten, da höre ich das typische Geschwätz von Staren über mir. Ich schaue hoch und entdecke zwei der schwarzen fast ins Grünliche schillernden Vögel oben im Apfelbaum. Sie scheinen in ein anregendes Gespräch vertieft zu sein. Der links sitzende Vogel ist offensichtlich der Gesprächsführer, denn er redet fast pausenlos. Der andere wirft nur ab und zu ein paar kurze Silben in das Geplauder seines Gegenübers ein. Während ich den beiden hübschen Vögeln zuschaue, geht mir „Der Star im Apfelbaum“ durch den Kopf, der Titel eines Kinderbuches von Edith Bergner und Ingeborg Meyer-Rey. Wie oft habe ich meinen Kindern aus diesem Buch vorgelesen? Nicht nur meine Kinder liebten diese Geschichte, auch ich konnte sie wieder und wieder lesen. Das hübsch illustrierte Buch machte es selbst mir als Erwachsenem nicht schwer, in die Welt eines kleinen schwatzenden schwarzen Vogels abzutauchen. Es ist ein so zauberhaftes Buch, dass man es gar nicht wieder aus der Hand legen mag. Ein Star, wie er hier über mir im Apfelbaum sitzt, ist der Hauptheld in dieser wunderschönen Geschichte. Ein kleines Mädchen fordert den Vogel, der auch in unserer Geschichte in einem Apfelbaum sitzt, dazu auf, doch endlich einmal ein anderes Lied zu singen, nicht immer nur dieses eine vom Frühling. Nur zu dumm, der Vogel kennt kein anderes Lied. So macht er sich ganz einfach zu anderen Tieren auf den Weg, um vielleicht von ihnen ein neues Lied zu lernen. Tatsächlich lernt er viele neue Lieder kennen und bei so viel Vielfalt hat er ganz plötzlich sein eigenes Lied vergessen. Was jetzt? Wer soll nun mit seinem Gesang den Frühling herbeilocken, so wie es sich das kleine Mädchen Babett so sehr wünscht?

Lächelnd schaue ich zu den beiden Vögeln auf meinem Apfelbaum hinauf und freue mich darüber, dass diese kleinen Federbälle mich an das hübsche Büchlein erinnert haben. Ich weiß noch, dass ich es auch viele Male an Leser meiner Bibliothek ausgeliehen habe. Voller Begeisterung erzählten sie mir später, welch wundervolles Buch ich ihnen doch damit empfohlen hätte und wie sehr ihre Kinder die Geschichte mit den wunderschönen Illustrationen liebten. Manchmal war diese Empfehlung sogar der Auslöser für ein schönes Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk.

Noch eine ganze Weile höre ich dem Plaudern meiner gefiederten Gäste zu. Zwischendurch fliegen sie immer wieder die nahe Haselnuss an, um von dort aus zum Futterhaus zu gelangen, wo sie sich für ein erneutes Zwiegespräch mit einem Körner-Cocktail stärken. Ob auch sie ihr Repertoire bei den anderen Tieren gelernt haben – so wie in dieser kleinen Geschichte? Mir scheint es fast so, denn ich höre kurz eine Amsel pfeifen, die gar nicht hier über mir im Baum sitzt, eine Krähe krächzen, dann ertönt ein Pfeifton wie ihn unser Nachbar oft ausstößt, wenn er nach seinem Hund ruft. Sitzt der Nachbar etwa dort oben im Baum? Ich schaue hoch und muss über mich selbst lachen. Dort sitzen nur diese beiden in der Sonne so wundervoll schillernden Vögel und schwatzen leise miteinander. Manchmal habe ich fast den Eindruck, als würden sie über etwas herzlich lachen. Was sie sich wohl alles für lustige Begebenheiten zu erzählen haben?

Hier noch einige Angaben zum Buch: Der Star im Apfelbaum / Edith Bergner. Illustrationen von Ingeborg Meyer-Rey.  – Neuausg. – Weinheim : Beltz, 2008. – 32 S.
ISBN 978-3358030608

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Um mein Namensgedächtnis war es leider schon immer schlecht bestellt. Schriftstellernamen konnte ich mir allerdings seit jeher erstaunlich gut merken. Ob das mit den Schriftstellernamen nun berufsbedingt so ist, will ich einmal dahingestellt sein lassen. Vielleicht hängt es eher damit zusammen, dass ich unwahrscheinlich gern lese und somit der Name des Schriftstellers in einem anderen Fach in meinem Kopf als ein ganz gewöhnlicher Name abgespeichert wird. Was ich damit sagen will, ist, andere Namen waren und sind oft Schall und Rauch für mich. In diesem Falle hat das wohl auch weniger mit meinem schon etwas fortgeschrittenen Alter zu tun. Diesen Namensschwund aus meinem Kopf kenne ich bereits seit meiner frühen Jugend. Wahrscheinlich meint mein Hirn, sich mit so etwas nicht belasten zu müssen. Manchmal nahm dieses Phänomen schon erstaunlich peinliche Züge an. Eigentlich sollte einer Bibliothekarin so etwas nicht passieren dürfen. Sie sollte, da sie täglich von morgens bis abends mit Namen überflutet wird, damit erstaunlich gut zurechtkommen können. Aber diese eine hier hat damit so ihre Probleme und wenn sie einmal einen Namen behält, kann derjenige mit Recht sehr stolz darauf sein.

Ein ganz lieber Kollege aus einer anderen Abteilung unserer übergeordneten Einrichtung kam gern und oft in unsere Bibliothek. Eines schönen Tages öffnete sich, wie so oft in unserer Bibliothek, die Tür und besagter Kollege schaute herein. Gerade mit diesem Kollegen habe ich mich immer gern und viel unterhalten und wir kannten uns eigentlich recht gut. Doch an diesem Tag war alles anders. Schon, als er zur Tür hereinkam, grübelte ich über seinen Namen nach. Mir fiel zwar ein, wie er mit Vornamen hieß, aber der Zuname war weg, wie weggeblasen. Ich dachte dann, na egal, ich muss ihn ja nicht ansprechen. Nachdem besagter Kollege ein wenig in den Bücherregalen herumgestöbert hatte, kam er zu mir und setzte sich auf einen Stuhl neben den Ausleihtresen. Wir unterhielten uns eine ganze Weile nett miteinander, er gab einige Bücher, die er ausgeliehen hatte, wieder ab, hatte aber keine neuen gefunden, die er mitnehmen wollte. Ich dachte noch, dass ich später nach seinem Konto suchen kann, um die eben abgegebenen Bücher zurückzubuchen. Damals, als sich diese Geschichte ereignete, hatten wir noch keine Online-Verbuchung, ich hätte also in den Benutzerkonten nach seinem Zunamen suchen müssen. Der Vorname, der mir da eingefallen war, nützte in diesem Falle herzlich wenig. Hätte mein Kollege neue Bücher mitgenommen, hätte er einen Leihschein ausfüllen müssen und da hätte er seinen Namen selbst drauf geschrieben. Das wäre also kein Problem für mich gewesen. Aber nein, er wollte nun auch noch wissen, ob er denn bei uns noch Bücher ausgeliehen hätte oder ob sein Konto leer wäre. Nun MUSSTE ich also in sein Konto schauen, ob ich wollte oder nicht. Da er ein mir sehr wohl bekannter Kollege war, wollte ich nicht nach seiner Benutzerkarte fragen, denn eigentlich sollte ich wissen, wie er heißt und ich wollte nicht als unhöflich und bürokratisch erscheinen. So saß ich also da, schaute ihn an und grübelte darüber nach, mit welchem Scherz ich nun meine Gedächtnislücke vertuschen könnte. Mir fiel nichts ein. Er schaute mich an und wartete darauf, dass ich seine Frage beantwortete, was ich aber nicht tat. Ich schaute ihn nur grübelnd an und versuchte mich zu erinnern. Plötzlich grinste er und sagte schelmisch: “Sie wissen gerade meinen Namen nicht, oder?” Ich wurde bestimmt abwechselnd rot und blass und gestand, dass dem so wäre. Er lachte laut und meinte, dass ihm so etwas andauernd passieren würde. Mir war das unheimlich peinlich, dass mich mein Gedächtnis so im Stich gelassen hatte, auch wenn ihm so was angeblich andauernd passieren würde. Für mich jedoch war das kein Trost. Es war mir mehr als unangenehm.

Im Laufe der Jahre rettete mich der Fortschritt vor solchen Gedächtnislücken. Bei der Onlineverbuchung, die irgendwann in unserer Bibliothek eingeführt wurde, wird unter anderem der Barcode des Nutzers für die Verbuchung von Medien benötigt, sodass der Bibliothekar ohnehin nach der Chipkarte fragen muss. Dieses kleine Kärtchen rettete mich in der Folge aus so manch peinlicher Situation. Es lebe der Fortschritt 😉

Silberdistel, wo bist Du?

Ob man manchmal unter einem inneren Zwang handelt? Ich kenne das beispielsweise, wenn ich gerade unsere Katzen nach draußen gelassen habe, mich dann an den Frühstückstisch setze und irgendwann, noch nicht einmal fertig mit dem Essen, aufstehe und durch die Tür ins Wohnzimmer schaue, ob nicht vielleicht eine unserer Katzen bereits wieder vor der Terrassentür sitzt und Einlass begehrt.

Ich will rein!!!!

Oft ist das tatsächlich der Fall. Da sitzt dort ein Pelztier und trampelt förmlich mit den Füßen und es scheint stumm zu rufen: „ Lass mich rein!“ Warum bin ich aufgestanden und habe überhaupt geschaut? Ich hätte doch wirklich in Ruhe zu Ende frühstücken können. Es muss hier doch eine innere Stimme gerufen haben: „Schau jetzt nach den Katzen, jetzt, sofort, es ist dringend!“ Natürlich mag es auch sein, dass Katzen über eine Art Telepathie verfügen. Das will ich nun hier wirklich nicht ausschließen. Katzen sagt man ja so allerlei Kunstfertigkeiten dieser Art nach.

So habe ich mich schon oft gefragt, ob nicht Menschen mit einem bestimmten Namen, nehmen wir jetzt einfach einmal den Herrn Müller, sich auf seltsame Weise dazu berufen fühlen, wie durch einen inneren Zwang geradezu geschubst fühlen, einen Beruf auszuüben, der ihrem Namen gewissermaßen alle Ehre macht.

Während meines bibliothekarischen Daseins ist mir manchmal schon aufgefallen, dass das einfach so sein muss, dass für manche Menschen der eigene Name auch Beruf wird. Für Menschen mit mehr schreibkünstlerischen Fähigkeiten ist es wohl ähnlich, ihr Name scheint wie ein Muss zu wirken, ein Buch zu schreiben zu einem Thema, dass einen gewissen Zusammenhang zum eigenen Namen hat. Schon immer hat mir gefallen, dass der Herr Teichfischer ein Buch über Goldfische geschrieben hat.

Hier einige Beispiele, die mir, bildlich gesprochen, schon einmal über den Weg gelaufen sind. Es gibt da sicher noch weitaus mehr dieser Art, aber die folgenden habe ich mir irgendwann einmal notiert, weil ich sie so schön fand und mich fragte, ob es sich bei den Autoren um Menschen mit viel Sinn für Humor handelt, es reiner Zufall war oder doch eine Bestimmung, ein innerer Zwang, gerade ein Buch zu genau diesem Thema zu schreiben, sich also beruflich oder in der Freizeit, um bei diesem ersten Beispiel zu bleiben, mit Goldfischen zu beschäftigen, wenn man denn Teichfischer heißt. Gern hätte ich Herrn Teichfischer einmal dazu befragt, wie er ausgerechnet dazu kam, Bücher über Fische zu schreiben.

Goldfische in aller Welt: Haltung, Zuchtformen und Geschichte der ältesten Aquarienfische der Welt / von Bernhard Teichfischer. – 1994.

– Vom Botanischen Garten zum Großstadtgrün / von Werner Adams und Joachim Bauer von Bachem. – 2001. 

Garten am Strom : der Rheinpark in Köln / von Joachim Bauer, Dieter Klein-Meynen und Henriette Meynen von Bachem. – 2007.

– Mein großes Natur-Bildwörterbuch – Fluss und Teich / [Ill.: Bob Bampton. Text: Gisela Fischer]. – 2008.

– Pauline , die Mühlenmaus / Müller, Elisabeth. – 2008.

– De Utrooper’s kleines Buch von der ostfriesischen Mühle / Müller, Ernst. – 1999.

– Michail Nesterow : ein Maler des gläubigen Russlands / hrsg. v. Elsa Mahler. – 1938.

Endlich wieder ein Wochenende in Sicht. Nur noch heute schnell zur Arbeit. Aus dem Bad heraus muss ich mich beeilen, geschwind anziehen, ein wenig Kosmetik, schnell den Tisch decken, Kinder wecken, frühstücken und dann müssen wir uns auch schon auf den Weg zur Arbeit machen. Warum scheint heute die Zeit nur so zu rasen?

Diese alte Dame ist lange im Ruhestand und nur noch Dekoration

Ich verstehe das nicht und werde noch ein wenig hektischer. Wir sind doch aufgestanden wie immer! Ob da manchmal plötzlich einer schneller an der Uhr dreht? Mit Müh‘ und Not schaffe ich die S-Bahn. Kaum bin ich im Zug, da geht auch schon die Tür hinter mir zu. Erschöpft sinke ich auf einem freien Fensterplatz nieder, suche mein Buch heraus und beginne zu lesen. 20 Minuten später muss ich aussteigen, in die Straßenbahn, wenige Minuten darauf drängele ich mich wieder hinaus ins Freie. Einige Meter Fußweg muss ich auch noch hinter mich bringen, rein in den Fahrstuhl und dann falle ich förmlich zur Tür unseres Arbeitszimmers hinein. Meine Chefin ist schon da und klimpert fröhlich auf der Schreibmaschine umher. Genau, richtig gelesen – Schreibmaschine. Es gab einmal Zeiten, wir begeben uns hier wieder einmal ins vorige Jahrhundert zurück, da wir uns dieser hübschen klappernden mechanischen Geräte bedienen mussten, um unsere täglichen Arbeitsaufgaben zu erledigen. Wer einmal auf so einem Ding Buchstaben zu Worten und Worte zu Sätzen hat werden lassen, der weiß die heutige Technik besonders zu schätzen. Ein Tippfehler hatte damals unter Umständen verheerende Folgen. Besonders schlimm war es, wenn man ein Wort ausgelassen hatte. Da konnte man mit dem Text noch einmal von vorn beginnen, denn er stand auf Papier gebannt. Eine Einfügemöglichkeit von Buchstaben, Worten oder ganzen Sätzen, gar wie heute am PC, gab es nicht. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Seltsam, dass man immer so abschweifen muss.

Wo war ich? Ach ja, in meinem Arbeitszimmer. Ich begrüße also meine Chefin, oder besser Abteilungsleiterin, hänge meine Jacke an den Kleiderhaken und setze mich an meinen Schreibtisch. Unser Arbeitsraum ist halb Magazin, halb Arbeitszimmer. Hinter unserem Rücken stehen Meter um Meter von Regalen, vollgestopft mit Büchern, die es zu bearbeiten gilt. Schließlich sind wir hier in einer Bibliothek und das gesammelte Schriftgut will einem Menschen namens Nutzer früher oder später zur Verfügung gestellt werden. Sicher später, weil … wir schaffen und schaffen es nicht … immer mehr häuft sich dazu, weil aus allen Himmelsrichtungen der Welt Bücher für unsere Bibliothek eintreffen. Zwei meiner Kollegen sind noch beim Signierdienst, was es alles einmal so gab – erstaunlich, und müssen sich mit Leihscheinen herumschlagen, die von unkundigen Nutzern ausgefüllt wurden. Meine Kollegen haben die Aufgabe, aus dem Buchstaben- und Wortwirrwarr einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen und daraus des Nutzers Wunsch herauszulesen. In der überwiegenden Anzahl von Fällen werden diese wundersamen Rätsel gelöst, Signaturen herausgefunden, Bücher bereitgelegt, die der Kunde König dann demnächst abholen und in sein trautes Heim entführen wird, um sich dort an diesen Wundern des Wissens zu ergötzen.

Erschöpft und erholungsbedürftig kommen irgendwann endlich auch meine beiden signierdienstunlustigen Kollegen zur Tür herein. Wir alle haben uns nun unsere Frühstückspause verdient. Nach dem Frühstück laufe ich hier- und dorthin, weil ich einige Dinge in anderen Abteilungen der Bibliothek zu erledigen habe, mittags muss ich die Vertretung für eine Kollegin in einem der Lesesäle übernehmen. Dort kichern immerzu einige Studenten hinter mir her. Ich wundere mich, warum sie wohl so albern sind. Na, wer weiß, wir waren als Studenten auch nicht anders, fällt mir da ein. Nach meinem Lesesaaldienst gehe ich noch einmal ins Sekretariat und ernte, als ich mich vom Postfach her wieder umdrehe, einen amüsierten Blick von einem unserer Azubis, nein … damals hießen sie noch Lehrlinge. Ich frage: “ Is was?“ Er grinst weiter und sagt: „Äh, nein“ und lächelt mich seltsam an, als würde er mit seiner Selbstbeherrschung Probleme haben. Kopfschüttelnd verlasse ich das Sekretariat.

Zurück in unserem Arbeitsraum, fasse ich mir zum ich weiß nicht wievielten Mal an den Hals und wundere mich, dass mein Pullover heute am Kragen so eng zu sein scheint. Ich stehe nachdenklich vor meinem Schreibtisch und überlege, welche Arbeiten ich jetzt am besten als nächste erledige. Mein Kollege ruft aus seiner hinteren Ecke, dass er mir noch etwas geben muss und kommt von hinten auf mich zu. Ich drehe mich um, um zu schauen, um was es sich handelt, und bemerke, dass er mir wie gebannt auf mein frauliches Hinterteil starrt und sich offensichtlich gar nicht davon losreißen kann. Ich wiederhole meinen Spruch vom Sekretariat, allerdings etwas höflicher: „Ist irgendetwas oder warum schauen Sie so auf mein hoffentlich hübsches Hinterteil?“ „Naja“, sagt er, „Sie haben da heute so ein lustiges Schwänzchen, dass so nett hin und her wippt.“ „Ich habe ein ….was?“ „Ein, ein Schwänzchen.“ Plötzlich fallen mir die Studenten im Lesesaal ein, der Lehrling … Ich fasse noch einmal an meinen Hals, dann an meinen Pullover vorn und vermisse dort die kleine Schleife, die da eigentlich sein sollte, um das Bündchen des Pullovers zusammenzuhalten. Irritiert fasse ich nach hinten und merke, dass ich dort tatsächlich ein Schwänzchen habe. Ich gehe zum Spiegel, der in einer Ecke des Arbeitsraumes hängt, und schaue mich von hinten an. Die beiden Kordelenden, die eigentlich vorn am Pullover eine Schleife bilden sollten, befinden sich seltsamerweise nun hinten und haben sich noch dazu ineinander verdreht und stehen seltsam ab, wie ein kleines Ringelschwänzchen eben. Meine beiden Kolleginnen schauen nun auch interessiert zu mir und lachen wie auf Kommando los. Ich kann dann auch nicht mehr an mich halten und stimme in ihr Gelächter ein. Aber warum hat mich niemand darauf aufmerksam gemacht, dass ich heute offensichtlich meinen Pullover falsch herum anhabe und das Vorderteil zum Hinterteil geworden ist? Meine drei Kollegen schauen mich an und meinen, sie hätten mich doch die ganze Zeit nur von vorn oder am Schreibtisch sitzend gesehen. Mein Kollege meint dann abschließend noch ganz treuherzig: „Ich dachte, das soll so sein.“ Männer! *kopfschüttel*

Fazit: Morgens in Ruhe anziehen und für die Arbeit fertig machen und sich anschließend noch einen Rundumblick in den Spiegel gönnen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden, also – nur keine Hektik. Naja, wenigstens hatten einige Mitmenschen an jenem Tag einige amüsante Minuten durch meine Gegenwart.

Unsere Bibliothek ist, außer an einem Tag in der Woche, gewöhnlich über Mittag geschlossen. Meistens sind wir Mitarbeiter dann außer Haus, gehen irgendwohin zum Mittagessen, zum Einkaufen, erledigen irgendwelche privaten oder manchmal auch dienstlichen Angelegenheiten. Währenddessen träumt also die Bibliothek still vor sich hin.

Ich war besagtes Mal zur Post, um ein Päckchen aufzugeben. Da sich neben der Post ein Bäckerladen befindet, nahm ich mir von dort eine Kleinigkeit zu Mittag mit. Zurück in der Bibliothek kochte ich mir einen Tee, packte mein Mitbringsel vom Bäcker aus und machte es mir in unserer kleinen Frühstücksecke bequem. Anscheinend waren die anderen Kollegen noch unterwegs. Da ich am Nachmittag Dienst in der Ausleihe hatte, wollte ich mit meinem Mittagessen nicht warten, bis mir eine meiner Kolleginnen Gesellschaft leistete. Ich wollte rechtzeitig vor Beginn der Ausleihöffnungszeit fertig sein, weil es noch einiges vorzubereiten gab. Immer noch inniglich mit meinem Mittagessen beschäftigt, dringen plötzlich von irgendwoher aus den Tiefen des Gebäudes merkwürdige und unheimliche Klopfgeräusche an mein Ohr. Was war das denn? Hatten sich da irgendwo Handwerker ins Gebäude eingeschlichen? Oder war doch schon wieder jemand von seiner Mittagspause zurück? Irgendwie unheimlich war das schon. Auf Entdeckungsreise getraute ich mich aber auch nicht. So versuchte ich, das Geräusch zu ignorieren und widmete mich wieder meinem Mittagessen.

Nach einer Weile hörte ich erneut diese seltsamen klopfenden Geräusche und es schien mir sogar so, als würde irgendwo jemand rufen. Woher kam das? Ich stand nun doch auf und steckte vorsichtig meinen Kopf zur Tür hinaus. Jetzt hörte ich deutlicher, dass da wirklich jemand heftig an einer Tür rüttelte und rief: „Hallo, ist hier irgendwo jemand?“ Huhuhhhhhh! Halloooooo!“ Kam das nicht aus der Ausleihe? Ich ließ mein Mittagessen Mittagessen sein, nahm mein Schlüsselbund und ging zum Ausleihraum. Tatsächlich, da klopfte jemand von innen. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn herum und öffnete die Tür. Erstaunt schaute ich eine junge Frau an, die einen recht  aufgeregten Eindruck machte. Wie kam sie hierher, was suchte sie zu dieser Zeit allein im Ausleihraum? Ich hatte all das noch gar nicht zu Ende gedacht, da erzählte sie mir schon, dass sie im hinteren Raum der Ausleihe gesessen, an einem Buch gearbeitet und irgendwie wohl die Zeit vergessen hätte. Sie hätte auch gar nicht zur Uhr geschaut. Als sie dann fertig war und gehen wollte, stellte sie fest, dass im vorderen Teil der Freihandabteilung das Licht gelöscht und gar niemand mehr im Ausleihraum war. Zu ihrem Entsetzen war auch noch die Tür, durch die sie den Ausleihraum hätte verlassen können, abgeschlossen. Ich staunte immer mehr und fragte irritiert: „Hat denn meine Kollegin gar nicht nachgesehen, ob noch jemand hinten an den Arbeitstischen sitzt?“ Die junge Frau zuckte nur mit den Schultern, denn sie war so vertieft in ihre Arbeit gewesen, dass ihr rein gar nichts aufgefallen war. Aber eigentlich hatte sich meine Frage erübrigt. Meine Kollegin konnte nicht geschaut haben. Jedenfalls war ich froh, dass sich einerseits das Rätsel dieser unheimlichen Geräusche gelöst hatte und ich  andererseits relativ früh wieder von meinem Gang zur Post zurück war, sodass unsere Nutzerin nicht noch länger in ihrem Bibliotheksgefängnis hatte ausharren müssen. Glücklich, aus der unfreiwilligen Gefangenschaft endlich befreit worden zu sein, nahm die junge Frau ihr Ränzlein und verließ fluchtartig die Bibliothek.

Wie sich dann im weiteren Verlauf herausstellte, hatte die Kollegin, die an dem Tag vormittags Ausleihdienst hatte, wirklich nicht geschaut, ob noch jemand in den hinteren Räumlichkeiten der Ausleihe arbeitete. Ich erntete später einen fassungslosen und entsetzten Blick von ihr. Sie schaute mich ganz ungläubig an und wartete darauf, dass ich sagte, es wäre nur ein Scherz von mir.

Wir haben lange danach noch viel über diesen Fall herum geulkt und uns allerlei andere Variationen vorgestellt, z. B. hätte das ja auch zum Feierabend oder gar zum Wochenende hin passieren können. Wir waren uns alle nicht sicher, ob es so angenehm wäre, in der Bibliothek übers Wochenende gefangen zu sein, auch, wenn man dann einmal in aller Ruhe und ganz ausgiebig hätte alles rauf und runter lesen können. Wir haben noch viel über diesen Vorfall gelacht, aber, ob es im schlimmsten Fall wirklich so lustig für den Gefangenen gewesen wäre, ist sehr fraglich. Besagte Studentin war später noch oft in der Bibliothek. Sie hat das alles nicht so tragisch genommen, verpasste aber nie mehr den Zeitpunkt, zu dem unsere Bibliothek schloss. Zu mir sagte sogar einmal: „Ich habe heute wieder etwas länger zu tun. Schließen sie mich bitte nicht ein?“ Unseren Stempel haben wir mit diesem Vorfall ganz bestimmt aufgedrückt bekommen, wie diese Bitte erahnen lässt, ob ich da nun gesagt hätte: „Aber ICH habe noch niemanden eingeschlossen!“ oder nicht, das spielte keine Rolle. Das Ganze hat sich sicher wie ein Lauffeuer herumgesprochen. In DIESER Bibliothek werden andauernd Nutzer eingesperrt, wahrscheinlich wochenlang und ohne Wasser und Brot.

P.S.: Damals trug noch nicht jedermann ein Handy mit sich herum. Eine Befreiung aus einer solchen Gefangenschaft gestaltete sich demzufolge etwas schwieriger als es vielleicht heute der Fall wäre.