Die „Blaue Serie“ – Fortsetzung 55 – Ganz schön windig

Veröffentlicht: 21. November 2017 in Fotos, Geschichten, Natur, Naturgewalten, Reisen, Unterhaltendes
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Wenn es um Wind geht, untertreiben wir Nordlichter es ja gern einmal. An der Küste geht es höchst selten ganz windstill zu. So empfinden wir das, was andere bereits als stürmisch betrachten würden, höchsten als büschen windiger als sonst. Las ich nicht unlängst, für uns Küstenbewohner gilt, dass Sturm erst dann ist, wenn die Schafe keine Locken mehr haben?

01-Dsc_0037Am vergangenen Sonntag waren einige von uns Silberdistels wieder einmal gemeinsam mit anderen Hinterbliebenen Seebestatteter zu einer Gedenkfahrt mit dem Schiff vom Wismarer Hafen aus zum Urnenfeld vor der Insel Poel unterwegs. Alljährlich zum Volkstrauertag und zum Totensonntag werden den Angehörigen und Freunden solche Fahrten zum Platz der letzten Ruhestätte ihrer Lieben angeboten. Für uns war es bereits die fünfte Reise zu dem Ort, an dem mein Vater einst vom Meer in Empfang genommen wurde. Bisher waren es dem Anlass entsprechend immer recht besinnliche und ruhige Fahrten gewesen. Vom Wetter her haben wir schon fast alle Witterungsvarianten erlebt – von strahlendem Sonnenschein mit silbern glitzerndem Wasser über herrliches Abendrot mit golden leuchtender See bis hin zu einem still vor sich hin weinenden Himmel mit einem in trauriges Grau gekleideten Meer.

Als wir uns dieses Mal auf die Reise zu unseren lieben Verstorbenen machten, formten sich am Himmel in rascher Folge die spannendsten Wolkenbilder. Dann wieder zauberte die Sonne ein betörendes Lächeln an einen strahlend blauen Himmel. Das alles ging in rascher Folge hin und her. Auch so mancher Regenguss fehlte an diesem Tag nicht.

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Der Wettergott durchschritt offensichtlich gerade ein Wechselbad der Gefühle. Und diese Gefühle machten sich auch noch ordentlich Luft. Das büschen Wind, denn mehr war es für uns im ersten Moment nicht, mit dem wir den Wismarer Hafen in Richtung Insel Poel verließen, entwickelte sich bald zu einem recht lungenstarken Burschen.

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Der windige Geselle wurde stürmischer und stürmischer. Die Schafe hätten wohl wirklich um ihre Locken im Pelz fürchten müssen, wären sie mit uns auf See gewesen. Je mehr wir uns dem Urnenfeld näherten, umso mehr spürten wir die recht bewegte See. Die Wellen platschten spritzend gegen den Schiffsbug und donnerten dann brausend gegen die vorderen Scheiben des Fahrgastraumes. Welch imposantes Bild! Die Fahrt war bereits bis dahin schon fast ein kleines Abenteuer.

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Inzwischen sind wir vor der Insel Poel angekommen – wir erleben ein tiefblaues Meer

Nach einer knappen Stunde hatten wir das Urnenfeld erreicht. Doch dieses Mal war alles etwas anders. Der Käpt’n forderte die wenigen, die sich bis dahin auf dem Oberdeck den kalten und stürmischen Wind um die Ohren wehen ließen, dazu auf, sich aus Sicherheitsgründen wieder unter Deck zu begeben. Unser Schiff würde gleich wenden. Wegen des Sturms wäre es leider dieses Mal nicht möglich, das Urnenfeld, wie es sonst jeweils üblich war, für einige Minuten zu umkreisen. Wir sollten uns auf unsere Plätze begeben und uns gut festhalten. Das Schiff würde bei der Wende seitlich von den Wellen getroffen werden und so dem Seegang entsprechend hart ausgeliefert sein.

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Wenig später erfahren wir dann live, was die See alles kann, wenn sie aufgebracht ist. Mir entgleitet bei der Kehrtwendung unseres Schiffes fast meine Knipse, so schräg liegt die „Mecklenburg“ plötzlich in der tosenden Ostsee. Und dann klirrt und scheppert es heftig um uns und an Bord geht einiges an Gläsern und Geschirr zu Bruch.
Als wir uns von unserem Schreck erholt haben und das Schiff wieder vergleichsweise ruhig im Wasser liegt, dürfen wir dennoch dem Meer die Blumengrüße für unsere verstorbenen Angehörigen übergeben. Dieses Mal sind es mehr stürmische denn andächtige Grüße. Unsere Blumen werden uns regelrecht aus der Hand gerissen und fast gierig von der See verschlungen.

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Stilles Gedenken ist, wie wir alle wissen, doch ein wenig anders. Aber andererseits wäre unser Vater sicher stolz auf uns, hatten wir uns doch trotz der widrigen Wetterverhältnisse zu ihm auf den Weg gemacht.

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Ich sah ihn regelrecht vor mir, wie er uns grinsend zuzwinkerte und sagte, er habe das Wetter so bestellt. Er wollte einmal sehen, wie seefest seine Familie ist.

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Wir sind bereits wieder auf den Rückweg – vor uns liegt das Panorama der alten Hansestadt Wismar

Ob unser Vater deshalb eine Seebestattung wollte, weil er wusste, dass jeder Besuch bei ihm für uns ein kleines unvergessliches Abenteuer werden könnte?

Übrigens waren scheinbar alle Mitfahrer seefest. Jedenfalls konnte ich nichts Gegenteiliges beobachten. Sogar meine Mutter, die ich schon recht seekrank erlebt habe, hat unsere Sturmfahrt gut überstanden. Hinterher meinte sie nur, es wäre dieses Mal ja recht windig gewesen. Ob man mit zunehmendem Alter einfach seefester wird? Oder wollten wir uns nur nicht vor unseren Lieben dort im Meer blamieren?

Trotz oder vielleicht gerade wegen des Sturms war es eine schöne Fahrt, wenn auch nicht so andächtig wie sonst. Auf jeden Fall wird uns diese Reise wohl immer im Gedächtnis bleiben und mit ihr auch derjenige von uns, der dort im Meer sein letztes Zuhause hat. Das Meer hat uns für die diesjährige aufregende Schaukelei aber reich entschädigt. Es zeigte sich uns in vielen wundervollen Farbschattierungen – von hellem bis zu dunklem Grün, zwischendurch mit silbrigem Glanz und dann wieder in herrlichem Himmelblau und schließlich  in einem fantastisch tief dunklen Meeresblau. Und natürlich fehlte höchst selten das für diesen Tag so bezeichnende weiße Spitzenhäubchen auf den Wellen.

Kommentare
  1. kowkla123 sagt:

    da ist sie ja wieder die blaue Serie, wieder echt schön, möge es dir gut gehen, Klaus

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  2. Frau Hummel sagt:

    Immerhin hält der Sturm viele interessante Frisurenvorschläge bereit 😎

    Das war sicher eine aufregende Erfahrung für Euch, liebe Silberdistel. Eine Gedenkfahrt bei Sturm. Die fünfte Fahrt war es schon? Wie die Zeit doch vergeht… Danke dass ich durch Deine Bilder und Worte teilhaben durfte. Sei lieb gegrüßt aus meiner Heide 🍃🍂🍁🌬

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    • Silberdistel sagt:

      Genau, was Frisuren betrifft, ist der Sturm in der Regel sehr kreativ 😀 Ich hatte nach der Fahrt mächtig zu tun, in meine wieder einigermaßen Ordnung zu bringen. Die Männer, besonders die mit ihren modischen Kurzhaarfrisuren, hatten es wesentlich besser 😀

      So eine Gedenkfahrt ist ja immer irgendwie ein wenig aufregend oder, besser gesagt, aufwühlend. Dieses Mal kam nun noch eine andere Art von Aufregung dazu. Ein ordentlicher Seegang ist schon etwas anderes als eine ruhige Seefahrt bei fast glatter See. Obwohl es eigentlich, so lange wir die Wellen von vorn hatten, gar nicht so besonders schaukelte. Erst die Wende brachte das Schiff mächtig ins Schwanken. Da erst hat man gemerkt, welche Kraft in ihnen steckte – eine beeindruckende Vorführung.
      Liebe Grüße zurück in Deine Heide ❤ ❤

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  3. kowkla123 sagt:

    lass dich nicht aufhalten auf dem Weg durch die Woche, Klaus

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  4. wolke205 sagt:

    Der Vater meines Bruders hat auch eine See-Bestattung bekommen… Die jährliche Gedenkfahrt ist eine schöne Idee 🙂 Als Nordlicht mag ich Wasser in jeglicher Form sehr gerne. Nur eben den dazugehörigen Wind nicht. Eine leichte Brise im Sommer. Gerne. Ansonsten nicht. Darum möchte ich auch nicht dauerhaft an der Küste wohnen 😉 Wunderschöne Fotos wie immer 🙂 Liebe Grüße, Frauke

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    • Silberdistel sagt:

      Die Gedenkfahrten finde ich auch immer sehr schön. Das ist echt eine gute Idee, zumal man ja nicht wie sonst mit einem kleinen Blumensträußchen zum Friedhof gehen kann, um dort ein bisschen „Zwiesprache“ zu halten.

      Der Wind an der Küste stört mich nicht, eher im Gegenteil. Ich mag’s gern ein bisschen luftiger 😉 😀 Infolgedessen fühle ich mich genau hier sehr wohl. Urlaub gern mal woanders, aber dann muss ich wieder zurück in meinen Norden 😀
      Dankeschön für Deine Gedanken und liebe Grüße auch an Dich

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  5. Ein schöner und berührender Bericht. Grüße aus dem Süden… Ernst

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