Eigentlich hatte ich mir den Tag danach in diesem Jahr etwas anders vorgestellt – zumal er ein Sonntag ist. Ich wollte meine Ruhe, meine sonntägliche Ruhe. Ich wollte sie ganz einfach genießen und  mich einmal nicht der Geisterauswertung vom Vorabend widmen.

Einen ganz gemütlichen, wonniglich ruhigen Sonntag hatte ich in meiner kühnsten Fantasie vor Augen – einen Sonntag, wie er im Buche steht oder wie ihn meine Kamera gerade in sich aufgenommen hat. Eigentlich fehlen noch die Kraniche, die für ein Foto viel zu schnell waren und die laut rufend heute Morgen über unser Haus hinwegzogen. Ich glaube, sie wollten mich für den Stress im Laufe des gestrigen Abends ein wenig entschädigen und mir meinen Seelenfrieden zurückbringen. Wenn mich nicht alles täuscht, ließen sie ihn, den Seelenfrieden, sanft in unseren Garten hinunterschweben wie ein leichtes Seidentuch. Ein Hauch davon lag noch über meinem grünen Reich, als ich dort in der Frühe meinen kleinen Rundgang antrat.

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Aber über das, was sich hier gestern abgespielt hat, kann ich einfach nicht den Mantel des Schweigens hüllen. Das muss in die Welt hinausgeschrien werden, denn da bahnt sich etwas zutiefst Gruseliges und Beängstigendes an. Dabei hatte ich gar nicht so wie Goethes Zauberlehrling die Geister gerufen. Trotzdem kamen sie aus all ihren Löchern gekrochen, schellten und pochten an unserer Tür und riefen nach Süßem, manche auch nach Saurem. Zunächst sah ich das alles noch recht locker, hatte ich doch für den Fall der Fälle reichlich Süßes eingekauft, um die Geister zu beruhigen. Wie es der Zufall wollte, hatte ich sogar einige sauren Gurken parat. Man konnte ja nie wissen und tatsächlich waren auch die gefragt. Einige der Geister, sie müssen sich noch in der Lern- oder Findungsphase befunden haben, riefen, als ich nach ihrem Schellen vorsichtig die Tür öffnete: „Süßes oder Saures!“ Verwirrt fragte ich nach: „Was nun, Süßes oder lieber Saures – Gurken etwa?“ Im Geisterchor schallte es zurück: „GUUUUURKEN!“ Ich eilte geschwind in die Tiefen unseres Hauses und holte Gurken für die Geister, um ihre aufgeregten Gemüter zu besänftigen. Ein Geistlein wollte sogar beides – Süßes und Saures. Ich überlegte kurz, ob das so auch zu den Spielregeln gehörte, gab aber dennoch um des lieben Friedens Willen schnell beides heraus. Als Dank dafür sah ich, dass sogar Geister mitunter ein Lächeln im Gepäck haben.

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Die Geister kamen und gingen, kamen und gingen, kamen und gingen … Immer wieder füllte ich mein Körbchen nach und dann, dann schaute ich plötzlich in den fast leeren Vorratsschrank. Ich hatte reichlich Süßes aus dem Supermarkt meines Vertrauens nach Hause geschleppt, aber  … aber  nun … nun ging dieser schöne Berg zur Neige. Was tun, wenn der Geisteransturm so weiterging? Schweißperlen formten sich bereits auf meiner Stirn, als mir einfiel, dass ich eine begnadete Marmeladen- und Geleeköchin bin. Selbst wenn das Brot für köstliche süße Marmeladen- und Geleebrote nicht reichen würde, Gelees und Marmeladen aus meiner Speisekammer würden dem Ansturm wohl bis Mitternacht noch standhalten, zur Not löffelweise ausgeschenkt werden können. Danach würde ich die Futterkammer schließen und keinem Geist mehr die Tür öffnen. So also der Plan. Zum Glück handelte es sich in der Mehrzahl um kleine Geister, für die ja doch irgendwann auch Schlafenszeit sein musste und tatsächlich pochte das letzte Geistlein gegen 20.45 Uhr an unsere Tür. Danach sank ich erschöpft auf die Couch, in der Hoffnung, soeben das letzte Geistlein bedient zu haben, wagte aber nicht, meinen eigenen Geist mit den restlichen Süßigkeiten zu stärken. Man konnte nie wissen, was bis Mitternacht noch auf uns lauern würde. Ganz leise hörte ich dann irgendwann Goethes Zauberlehrling in mein Ohr wispern: „Die Geister, die ich rief ….“. Da hatte ich eine Erleuchtung, die von Dunkelheit sprach und so löschten wir still und heimlich alle Lichter im vorderen Bereich des Hauses. Man musste die vielleicht doch noch zu später Stunde auf der Straße herumlungernden Geister nicht unbedingt auch noch mit dem Scheinwerfer anlocken. So kann man auch heute noch aus großer deutscher Dichtung lernen. Es kamen nämlich nach diesen dunklen Vorsichtsmaßnahmen keine Geister mehr.

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Und da wir Silberdistels schon seit Jahren eine kleine Geisterzählung betreiben, gibt es auch in diesem Jahr wieder eine genaue Zahl. Es ist ein Geisterrekordjahr. 64 – in Worten VIERUNDSECHZIG – Geister begehrten an unserer Tür Süßes, manche auch Saures oder sogar beides. Warum ich diese Zahlen veröffentliche? Es könnte uns demnächst noch Schlimmeres bevorstehen. Es ist etwas im Gange, dem wir am Ende vielleicht nicht mehr gewachsen sein werden. Ich hatte schon einmal, nein zweimal vor der Weltherrschaft der Fellmonster gewarnt. Was ist, wenn sich die Fellmonster jetzt als Geister tarnen? Die Fellmonster hatten noch keine Füße, die Geister schon …

Vielleicht noch ein Nachsatz: Charis ist auch so eine Art Geisterzählerin. … und da gibt es sogar etwas zu gewinnen – gewissenmaßen als Trost für den gestrigen Gruseltag – für Vollgrusel und gar keinen Grusel. Vielleicht gab es ja auch anderswo noch einen regelrechten Geisteransturm auf Süßes. Sicher werden noch weitere Bewerbungen auf die Preise um die Trostspitze und das Trostende angenommen.

Kommentare
  1. Charis sagt:

    Danke für den pingback, Frau Silberdistel … 😉

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  2. kowkla123 sagt:

    da war ja echt was los bei euch, wir hatten nicht einen zu Besuch, einen schönen Sonntag wünsche ich

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  3. einfachtilda sagt:

    Bei uns kam gar niemand, das ist immer so. Hier kennen die Menschen das wohl nicht 😀
    Jetzt geht es in die Stadt, da ist was los und das bei ganz herrlichem Sonnenschein und milden Temperaturen.

    LG Mathilda ❤

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    • Silberdistel sagt:

      Ich hatte auch die leise Hoffnung, dass hier vielleicht mal niemand kommt. Das war aber gewaltig gefehlt 😦
      Ich hoffe, Du hattest einen schönen Sonntag heute. Hier wurde es nach dem Sonnenschein vormittags wieder ein wenig trübe, aber der Abend hat dann noch einen schönen Sonnenuntergang gebracht.
      Liebe Grüße auch an Dich ❤

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  4. Zeilenende sagt:

    Schon lustig. Ich erzählte ja schon vom Essig. Bei uns waren in diesem Jahr 9 Geister vor der Tür … Und ich, der sich von einer Phototour nach Hause schleppte und dessen Forderung „Süßes sonst gibts Saures“ mit einem „Du bist süß genug“ niedergeschmettert wurde … Äh… 9 Geister, ja, was Mutter Zeilenende zufolge neuer Rekord sei. Was ich erstaunlich fand. In meinen Studententagen habe ich weniger ländlich gewohnt, aber weder zu Halloween, St. Martin oder Dreikönig Besuch bekommen. Obwohl ich immer Süßigkeiten vorrätig gehabt habe. Damals fand ich das super. Heute beneide ich dich darum, dass du so einen schönen Anlass für diesen exquisiten Blogbeitrag hattest und ich noch nicht einmal über ausbleibenden Besuch jammern kann. 😉

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    • Silberdistel sagt:

      Hier gab es auch einmal Zeiten, wo kein Schw … kein Geist kam. Und dann eines Tages, wir ahnten echt nichts Böses, ging es los. Mit Müh und Not zauberte ich irgendwelche Kekse aus den Tiefen unserer Schränke hervor und stellte damit die Geister ruhig. Wie sich Tage später herausstellte, hatten alle, an deren Tür die Geister gepocht hatten, nur Kekse parat, was wir dann allgemein doch sehr lustig fanden. Arme Geister! 😀 Es war halt ein Keksjahr 😀 Im Jahr darauf war ich ein wenig vorbereitet mit Süßem von der Sorte, die wir selbst gern mögen. Hätte keine Nachfrage bestanden, hätten wir uns gern selbst über die süßen Herrlichkeiten hergemacht. Uns blieb noch reichlich, aber eben schon nicht mehr alles 😉

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  5. minibares sagt:

    Bei euch ist ja ne Menge los. Meine Güte 64 x hat es geklingelt? Ich hätte nichts hier gehabt. Oder habt ihr die Leute gezählt? ist auch ne Menge. Meine Bewunderung, dass du so viel vorgesorgt hast. – – – Ich hätte nix im Haus gehabt.
    Wir hatten in den zwei Jahren hier kein Klingeln.
    jetzt war es das dritte Mal.
    Aber wir waren gar nicht zu Hause.
    Wir haben die abgespeckte Version der Schöpfung in Havixbeck gesungen, weil deren Chor ja mit gesungen hat bei uns.
    Danach war noch Treffen dort im Ort in einem gemütlichen Restaurant.
    Wir waren erst um 22 Uhr zu Hause
    deine Bärbel

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  6. Alexandra sagt:

    Ich bin tief beeindruckt über Euer professionelles Vorgehen, bei so vielen Geistern hätte der ein oder andere sicherlich vorher schon das Weite gesucht bzw. sich in seinem Versteck verbarrikadiert. Die gute Versorgung der Geister spricht sich sicherlich herum und ich ahne, dass ihr im nächsten Jahr einen neuen Rekord aufstellen werdet 😉

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  7. Huch, da war ja richtig etwas los bei Euch :-). Auch bei uns waren drei Trupps – hübsch verkleidet, mit netten Sprüchen. ich war freudig überrascht, im vergangenen Jahr mussten bzw. durften wir unsere Süßigkeiten alle selber essen, weil NIEMAND da war ;-). LG Birthe

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    • Silberdistel sagt:

      Oh ja, hier war mächtig was los. Wir fühlten uns schon fast überrannt und es wurde mir doch schon leicht mulmig zumute, als der Strom der Geister so gar nicht abreißen wollte. Für uns arme Gestresste war am Ende kaum noch süße Nervennahrung übrig 😦
      Liebe Grüße auch an Dich

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  8. Frau Spätlese sagt:

    Glücklicherweise war es bei uns ruhig – wir stehen dem ja ohnehin eher ablehnend gegenüber.
    Aber hierher verirrt sich auch keiner . . .
    😏

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    • Silberdistel sagt:

      Hier gab es auch einmal Zeiten, zu denen weit und breit kein Geist zu sehen war. Ablehnung hin, Anlehnung her, wir sind dem neuerdings irgendwie ausgeliefert. Wenn die Kinder nicht so nett schrecklich aussähen und noch dazu mit gruseligen Gedichten daherkämen, sann würde ich der ganzen Sache wohl auch etwas anders gegenüberstehen. Aber so … Ich lasse ihnen gern ihren Spaß. Schlechte Erfahrungen haben wir hier noch so gar nicht gemacht.

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