Eingesperrt

Veröffentlicht: 3. Juli 2015 in Geschichten, Natur, Tiere, Unterhaltendes, Urlaub, Vögel
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Als ich hier das letzte Mal von unserem diesjährigen Frühjahrsurlaub in der Rhön erzählt habe, habt Ihr mich an der Stelle verlassen, als ich mich nach einem langen Spaziergang durch die schöne Natur rund um den kleinen Ort Hilders …

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… auf dem Balkon unserer Ferienwohnung niedergelassen hatte. Ich hatte erwähnt, dass es nach meiner Fototour dann doch noch ein wenig Aufregung gab. So will ich Euch jetzt nicht mehr länger auf die Folter spannen und darüber berichten. Ich saß also auf dem Balkon, vor mir stand ein Teller mit einem leckeren Stück Himbeerkuchen und außerdem wartete noch ein wunderhübscher süßer Amerikaner darauf, von mir vernascht zu werden. Dass ich nach der langen Fototour auch einen stärkenden Kaffee brauchte, versteht sich sicher von selbst. Freude pur also. Ein bisschen k. o., aber zufrieden und glücklich mit mir und der Welt, machte ich mich über diese wundervollen Genüsse her und ließ nebenher meine Blicke über das hübsche Umfeld unserer Ferienwohnung schweifen. Recht betagte Gebäude, denen man ihr enormes Alter durchaus ansehen konnte und wieder hübsch hergerichtete Häuschen, die eher jugendlich frisch und neu aussahen, wohl aber auch schon etliche Jahre auf dem Buckel hatten, bildeten eine schöne Einheit. Hier konnte man sich wirklich wohlfühlen. Hübsch sah es aus. Ich war zufrieden – nicht nur mit der Ferienwohnung an sich, auch mit all ihrem Drumherum.

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Hat dieses alte Gebäude nicht einen ungeheuren Charme?

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Und dieses nette Häuschen hier ist doch auch etwas zum Verlieben, oder? Strahlt es nicht Ruhe und Gemütlichkeit aus?

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Schräg gegenüber ist eine Schreiner-Werkstatt. Aber da Samstag ist, herrscht dort drüben absolute Stille. Auch die Werkstattgebäude passen wunderbar hierher und ich darf verraten, auch in der Woche gab es von dort keinen unangenehmen Lärm. So schaue ich mir alles an, freue mich auf den vor uns liegenden Urlaub und verplane im Kopf schon mal die nächsten Tage.

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Während ich mit Wanderplanung beschäftigt bin, bleibt mein Blick plötzlich an einer Bewegung in einem der Fenster des gegenüberliegenden Werkstattgebäudes hängen. Es scheint mir so, als würde dort innen am Fenster ein Vogel flattern. Ob der Schreiner in einer Dachkammer irgendwelche Vögel hält – Wellensittiche vielleicht? Der kleine Federball scheint auch ab und zu direkt gegen die Fensterscheibe zu fliegen, was ich dann doch etwas ungewöhnlich finde. Vögel, die in Gefangenschaft gehalten werden, tun das eher selten, denn sie sind es gewöhnt, in einem Raum oder Käfig gehalten zu werden. Sicher würden sie interessiert aus dem Fenster schauen, aber nicht panisch gegen eine Scheibe fliegen, so wie es hier der Fall zu sein scheint.

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Mir lässt es keine Ruhe. Ich möchte nun doch genauer wissen, was das für ein Vogel ist, der sich dort drüben so merkwürdig verhält. Ich gehe zurück in die Wohnung und suche mein kleines Fernglas heraus. Wenig später stehe ich wieder auf dem Balkon und schaue rüber zum Fenster mit dem vermeintlichen Wellensittich.

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Was ich da entdecke, das ist dann doch kein Wellensittich und auch kein anderer sogenannter Stubenvogel. Ich erkenne eine Bachstelze, die sich offensichtlich irgendwie in das Gebäude hineinverirrt haben muss.

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Was tun? Es ist Samstag und der Schreiner erholt sich natürlich von seiner anstrengenden Wochenarbeit. Bis zum Montag ist die Bachstelze unter Umständen schon vor lauter Stress verendet. Wer weiß, ob sie in dem Gebäude überhaupt lebensnotwendiges Futter findet? Ich beschließe, unseren Vermieter auf den Vogel aufmerksam zu machen und frage, ob er wisse, wie man jemanden aus der Werkstatt erreichen könnte. Er verspricht, sich darum zu kümmern.

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Beruhigt setze ich mich wieder hin und widme mich erneut meinem, inzwischen kalten, Kaffee und dem noch immer auf mich wartenden Amerikaner. Immer wieder schaue ich hinüber zu der kleinen Bachstelze, die sicher nicht versteht, warum sie hinaus in die Freiheit schauen kann, aber trotzdem nicht dorthin kommt, wo all die anderen Vogelbrüder und -schwestern umherflattern.

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Die Zeit vergeht. Es kommt mir vor, als wären bereits Stunden vergangen seit dem Zeitpunkt, als ich meinen Hilferuf für die Bachstelze losgeworden bin. Ich überlege bereits, ob ich noch einmal an die Bachstelzenrettung erinnern sollte. Dann endlich fährt ein Auto vor, geschäftiges Treiben beginnt, die Werkstatttore werden geöffnet und wieder geschlossen. Wie ich höre, ist das Fenster, gegen das der Vogel bis eben noch fleißig flatterte, gar nicht zu öffnen. Aber dort ist er plötzlich auch gar nicht mehr zu sehen. Er taucht nun in dem angebauten Gebäudeteil am Fenster auf.

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Es dauert auch nicht lange und das Fenster wird geöffnet. Aber sonst passiert nichts weiter. Kein Vogel flattert in die Freiheit. Er ist plötzlich nicht mehr aufzufinden, wie ich höre. Offensichtlich ist er irgendwo in den Tiefen der aneinandergebauten Gebäude verschwunden. Scheinbar sind alle Räume so miteinander verbunden, dass der Vogel durch den gesamten Komplex fliegen kann.

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Auch dieses Haus hier oben ist Teil der Schreinerei und steht im rechten Winkel zu dem Teil, in dem sich die Bachstelze befand, als ich sie entdeckte. Lange tut sich nichts, der Vogel scheint verschwunden zu sein. Während ich die Szenerie gespannt verfolge und hoffe, dass die kleine Bachstelze erkennt, dass ihr keine Gefahr droht und ihr nur geholfen werden soll, wird auch hier in dem schicken weißen Gebäudeteil ein Fenster geöffnet. Ich sehe und höre, dass Bretter und anderes Inventar in der Nähe des linken Fensters hin- und hergeräumt werden und dann plötzlich saust etwas aus dem Fenster und gibt einen lauten verzückten Aufschrei von sich. Im Gebäude gegenüber ruft eine Frauenstimme: „Er ist rauhaus! Der Vogel ist raus!“ In mehreren Wellenlinien flattert die Bachstelze über mich hinweg und mir ist, als hätte sie mit ihrem zwitschernden Aufschrei ein Dankeschön gerufen. Am liebsten hätte ich Beifall geklatscht.

14-Bachstelze

Aber ich gebe mich mit einem Lächeln zufrieden und freue mich über die wiedergewonnene Freiheit der Bachstelze. Fast ein wenig erschöpft von all der Aufregung sinke ich in meinen Liegestuhl. Ich freue mich, dass mein Hilferuf ernst genommen wurde und es Menschen gibt, denen so ein kleines Vogelleben genauso am Herzen liegt wie mir. Dankeschön, dass Ihr einen Teil Eures freien Samstags für eine kleine Bachstelze geopfert habt. Ich glaube, das ist nicht immer und überall selbstverständlich.

Als mein Herr Silberdistel, der an diesem Tag ja fernab der Rhön zu tun hatte,  später wieder bei mir ist und sich das Stückchen Himbeerkuchen, das ich für ihn aufgehoben habe, schmecken lässt, habe ich ihm von einem aufregenden Abenteuer zu berichten, einem Abenteuer, das nicht nur für ein kleines Vögelchen aufregend war … Noch lange sitzen wir an diesem Abend auf dem Balkon unserer Ferienwohnung und freuen uns auf die noch vor uns liegenden Urlaubstage. Die herrliche Abendstimmung mit dem sich von Minute zu Minute ändernden Licht ist für mich ein wundervoller Abschluss für einen wundervollen Tag.

Für Diaschau eines der Bilder anklicken!

Kommentare
  1. minibares sagt:

    Du und Vögel, ihr passt einfach zusammen.
    Deine Hilfe ist so gut angekommen, dass sogar der Schreiner seine Freizeit opferte und alles durchsuchte, um der Bachstelze zu helfen.
    Wunderbar.
    deine Bärbel

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    • Silberdistel sagt:

      Schon seltsam, dass ich den Vogel dort überhaupt bemerkt habe 😀 Ich glaube, der Schreinermeister war nicht persönlich dort, aber seine Helferchen haben gute Arbeit geleistet. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass sie meine Bitte ernst genommen und nach dem Vogel gesucht haben.
      Liebe Grüße an Dich

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  2. Frau Hummel sagt:

    Ich hätte genauso gehandelt wie Du. Hach ich freue mich 😀

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    • Silberdistel sagt:

      Das denke ich mal 😀 Gefreut hat mich natürlich, dass mein Hinweis ernst genommen wurde, denn oft hört man ja auch, wenn er dort allein reingekommen ist, dann kommt er auch allein wieder raus. Nur leider ist das eben oft doch nicht so.
      Liebe Grüße von der heißen Ostseeküste ❤

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  3. Wie schön, dass die Bachstelze aus dem großen Käfig herauskonnte. Ich befürchte auch, dass sie durch Stress und Angst, durch ihr gegen das Fenster fliegen, den Durst und Hunger etc. vermutlich nicht überlebt hätte, wäre keiner zurückgekommen, um zu öffnen.
    Aber wirklich ein Wunder, dass es dir aufgefallen ist! Da war ja kein Riesenuhu hinter dem Glas …
    Gut gemacht!

    LG Michèle

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    • Silberdistel sagt:

      Ja, ich denke auch, das war ein glücklicher Umstand für die Bachstelze, dass ich sie gesehen habe UND dass dann tatsächlich jemand kam, um den armen Vogel hinauszulassen.
      Liebe Grüße und lieben Dank für Deinen Kommentar

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  4. einfachtilda sagt:

    Silberdistel rettet Bachstelze…ist da schön 🙂

    GlG Mathilda ❤

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  5. katerchen sagt:

    jemand der wie du die Natur mag/liebt liebe Silberdistel..dem fällt immer es was auf das nicht die NORM ist.
    ein toller Bericht mit einem GUTEN Ende
    LG vom katerchen

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    • Silberdistel sagt:

      Möglich, liebes Katerchen, dass jemand, dem die Natur am Herzen liegt, die Welt dann doch etwas aufmerksamer betrachtet. Auf jeden Fall war es aber auch wichtig, dass mein Hinweis ernst genommen und nicht bloß einfach abgewunken wurde in der Meinung, der Vogel wird schon wieder irgendwie hinausfinden. Ich fand es echt gut, dass sich die Leute vom Schreiner die Mühe gemacht haben, wegen der Bachstelze extra noch einmal in die Werkstatt zu kommen, um sie hinaus in die Freiheit zu entlassen.
      LG auch an Dich und schöne Ferien Dir und dem Paulimann 🙂

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  6. Petra sagt:

    Liebe Silberdistel,

    das ist eine wundervolle Geschichte. Ein großes Glück für die Bachstelze, dass du ihre Not bemerkt hast. Aber noch mehr Glück für sie, dass deine „Notfallmeldung“ ernst genommen wurde.

    Liebe Grüße,
    Petra

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    • Silberdistel sagt:

      Liebe Petra, ich war auch sehr froh, dass mir die eingesperrte Bachstelze aufgefallen ist. Viel schöner war es aber, dass es dann Helfer gab, die den armen Vogel wieder in die Freiheit entlassen haben.
      Liebe Grüße auch an Dich und lieben Dank für Deinen Besuch und den Kommentar 🙂

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  7. Frau Tonari sagt:

    Schöne Rettungsgeschichte. Du bekommst von mir den großen Bachstelzenrettungsorden am güldenen Band verliehen. Yeah!

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    • Silberdistel sagt:

      Wow, jetzt bin ich doch ganz gerührt – ein Bachstelzenrettungsorden am güldenen Band 😀 😉 Der wurde ganz sicher noch nicht sehr oft verliehen. Herzlichen Dank! 🙂 Aber ich denke, ich muss ihn zumindest teilen, denn ohne die eigentliche Rettungsmannschaft hätte mein Hilfeschrei so gar nichts gebracht. Aber ich teile gern 😀

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  8. […] diesjährigen Frühjahrsurlaub weitergehen. Am Tag nach meinem Bachstelzenerlebis, ich hatte hier darüber berichtet, hatten wir Silberdistels eine Wanderung zur Milseburg, der “Perle der […]

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