Die „Blaue Serie“ – Teil 36 – Am Meer der Erinnerungen

Veröffentlicht: 6. Oktober 2014 in Fotos, Geschichten, Natur, Reisen, Tiere, Unterhaltendes
Schlagwörter:, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Vor einer guten Woche hat es mich, wie schon so oft im Leben, wieder einmal ans Meer verschlagen. Ich war an einem Ort, den ich lange nicht mehr aufgesucht habe, ich war an der Wohlenberger Wieck. Benannt ist diese kleine Einbuchtung innerhalb der Wismarer Bucht nach einer Siedlung mit dem Namen Wohlenberg, heute ein Ortsteil der Stadt Klütz. Zur Orientierung vielleicht so viel: Würde man die Straße entlang der Wohlenberger Wieck (L01) von Wismar über Gägelow kommend weiterfahren, würde man nach einigen Kilometern entweder Klütz oder, wenn man sich rechts hält, über Tarnewitz den Ort Boltenhagen erreichen, der sicher etwas bekannter ist als Wohlenberg. In Tarnewitz gab es früher übrigens einmal ein großes Ferienlager. Aber zurück zur Wohlenberger Wieck. Zur Stunde meines Wiedersehens mit diesem Teil der Ostsee war das Meer weit, weit zurückgewichen. Die Ostsee hatte Niedrigwasser und ließ den Strand vor Wohlenberg wie eine Wattlandschaft der Nordsee erscheinen, eine Besonderheit gerade der Wohlenberger Wieck. Ich erinnere mich noch, wie weit man oft gehen musste, bis man überhaupt das Wasser erreichte, um baden und schwimmen zu können. In meiner Kindheit und Jugend habe ich an diesem Teil der Ostsee sehr oft die Wochenenden verbracht. Mein Vater liebte die See über alles, er war ein begeisterter Schwimmer und verbrachte gern seine freie Zeit nach einer schweren Arbeitswoche am Meer. Oft waren wir bereits am frühen Vormittag am Strand, damit wir auch ja noch auf dem Lieblingsplätzchen meines Vaters unsere „Zelte“ aufschlagen konnten. Meine Mutter hatte gewöhnlich bereits am Tag zuvor das Essen für unseren Strandaufenthalt gekocht, sodass wir nicht nur einem schönen Bade-, Sonnen- und Spieltag entgegensahen, sondern auch einem tollen Picknick. Es gab nicht nur Mittagessen am Strand, auch auf frisch gekochten Kaffee und selbstgebackenen Kuchen mussten wir nicht verzichten. Meistens waren noch andere befreundete Familien mit uns am Strand. Die gemeinsamen Wasserballspiele sind eine meiner schönsten Erinnerungen, obwohl es da mitunter auch ein wenig gefährlich wurde, wenn der Wasserball bei ablandigem Wind in Richtung offene See davonschwimmen wollte. Gewöhnlich machte sich der beste Schwimmer auf, um unseren Ball zu retten. Ich kann mich aber auch an einige Wasserbälle erinnern, die ihren eigenen Kopf hatten und uns bewiesen, dass sie die besseren und schnelleren Schwimmkünstler waren. Nicht nur einmal mussten wir den Kampf um den Ball aufgeben. Traurig blickten wir unserem Lieblingsball hinterher, sahen, wie er kleiner und kleiner wurde und irgendwann ganz in der Ferne verschwand. Manchmal hätte ich gern gewusst, wo diese Bälle letztendlich gestrandet sind oder ob sie überhaupt gestrandet sind. Wer weiß, vielleicht erkunden sie ja noch immer irgendwo das Meer …
Lange, sehr lange bin ich nicht mehr an der Wohlenberger Wieck gewesen. Das letzte Wiedersehen dürfte sogar mehr als ein Jahrzehnt zurückliegen, wenn nicht sogar schon zwei Jahrzehnte oder noch mehr. Eine Verabredung trieb mich nun nach so vielen Jahren wieder dorthin. Unweigerlich stellten sich, als ich an dem Strand meiner Kindheit und Jugend stand, all diese vielen Erinnerungen wieder ein. Ich sah den Windschutz, den meine Mutter aus rotem Fahnenstoff genäht hatte, am Strand im Winde flattern und meinen kleinen glücklich im Sand sitzenden Bruder bunte Backförmchen mit Unmengen von Sand füllen. Ich roch nicht nur das Meer von damals, ich spürte auch den warmen Rasen und den warmen Sand unter meinen Füßen, spürte fast noch einmal die Sommerhitze im Gesicht und meine Nase schien den Duft der Sonnencreme, die in jenen Sommern wie eine unsichtbare Wolke über dem Strand meiner Kindheit und Jugend schwebte, zu spüren. Schön und unbeschwert waren diese Sommer an der Wohlenberger Wieck, schön, dass ich sie erleben durfte. So lieb mir diese Erinnerungen sind, sie schmerzen auch ein wenig, weil einige der Menschen, mit denen ich dort diese unbeschwerten, fröhlichen Sommer verbrachte, nicht mehr unter uns weilen. Aber so sind Erinnerungen nun einmal, sie spiegeln gelebtes Leben wider …

Das Meer meiner Kindheit und Jugend trug am Tag unseres Wiedersehens vor einer guten Woche bereits ein leichtes und luftiges Herbstgewand. Es strahlte tiefe Ruhe, fast so etwas wie Geborgenheit, aus. Nur wenige Menschen waren unterwegs, ich fühlte mich wie zwischen zwei Welten. Es gab einerseits noch vereinzelte Badegäste, Segelboote waren zu sehen – eindeutige Zeichen des Sommers. Andererseits begannen die Angler in ihren warmen Watthosen bereits wieder den Strand zu bevölkern oder die Reiter mit ihren Pferden, die Spaziergänger mit ihren Hunden – Hinweise auf eine Zeit ohne Sonnencreme und fröhliches Ballspiel im Wasser, Hinweise auf eine Zeit, in der der Strand von den meisten Menschen eher gemieden denn aufgesucht wird, in der Strand und Meer auf ihre ganz eigene Weise endlich zur Ruhe kommen. Auch wenn mir früher all dieser Trubel gefallen hat, liebe ich heute gerade diese ruhige Zeit am Meer ganz besonders, diese wundervolle, manchmal fast atemlose Stille. Vielleicht muss man auch Lärm und Krach, Jubel, Trubel, Heiterkeit erlebt haben, um irgendwann endlich auch diese wundervolle Stille für sich entdecken zu können, sie zu lieben und zu schätzen. Es war bereits später Nachmittag, als ich an der Wohlenberger Wieck aufs Meer schaute, die Sonne stand bereits sehr tief – eine Atmosphäre, die ferne und doch so nahe Erinnerungen förmlich sprudeln ließ. Es war schön bei Dir, mein Meer, ich bin dankbar dafür, dass wir uns nach so unendlich langer Zeit wiedersehen und unsere vielen Erinnerungen miteinander austauschen durften …

Für Diaschau eines der Bilder anklicken!

 

Kommentare
  1. gageier sagt:

    Liebe Silberdistel bin wieder aus der Pause zurück es tat einem richtig gut und dann noch bei dem herrlichen Sonnenschein was will man mehr ganz viele liebe Grüße Klaus

    Gefällt mir

    • Silberdistel sagt:

      Das ist schön, lieber Klaus 🙂 Ab und zu einmal eine richtig gute und entspannende Pause kann etwas sehr Schönes sein. Wenn das Wetter dann auch noch passt, dann ist die Welt in Ordnung, oder?
      Danke für Deinen Besuch und auch liebe Grüße an Dich

      Gefällt mir

  2. kowkla123 sagt:

    Wunderschön, ich liebe deine blaue Serie, eine gute Woche, Klaus

    Gefällt mir

  3. Ganz große Klasse! Ich find’s für dich wunderbar, dass du wieder einmal an einem für dich doch wichtigen und sehr positiv behafteten Ort warst und für andere Leser und mich großartig, welches Bild du nach deinen Kindheitserinnerungen gezeichnet hast. Nicht nur Bild! Etwas für Augen, Ohren und Nase … und mit ganz viel Seele.
    Die Fotos habe ich natürlich auch sehr gern angeschaut, aber heute hat mich der Text besonders gepackt. Da waren die Bilder bereits enorm intensiv und 3D. Toll!

    LG Michèle

    Gefällt mir

    • Silberdistel sagt:

      Es freut mich sehr, liebe Michèle, wenn meine Gedanken und Gefühle so gut rübergekommen sind. Manche Orte üben schon eine einzigartige Faszination auf uns aus, der man sich so gar nicht entziehen kann, vielleicht auch gar nicht entziehen will. Es mag sein, dass es damit zusammenhängt, dass sie ein wesentlicher Teil unseres Lebens waren oder sind – ein Ort, an dem man, wie in meinem Fall, so viel Schönes erlebt hat. Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr Erlebnisse sind wieder da. Schon erstaunlich, was ein Wiedersehen nach so langer Zeit bewirken kann.
      Danke für Deinen lieben Kommentar. Ich habe mich sehr über Deine Worte gefreut.
      Liebe Grüße auch an Dich

      Gefällt mir

  4. Frau Hummel sagt:

    So schön. Fast konnte auch ich all das von Dir geschilderte sehen und fühlen. Mir wurde irgendwie ein bisschen schwer ums Herz und doch war es, wie schon gesagt… so schön.

    Gefällt mir

    • Silberdistel sagt:

      So viele schöne Erlebnisse verbinden mich mit diesem Stückchen Strand, mit diesem Stückchen Ostsee. Es war eine tolle, unbeschwerte, wundervolle und glückliche Zeit, die einen großen Teil meines Lebens ausgemacht hat.
      Schön, dass Du ein wenig durch meine Worte und Bilder dabei sein konntest. Ein bisschen wehmütig sind solche Erinnerungen wohl immer, trotzdem überwiegt für mich das Schöne.
      Liebe Grüße und danke für Deinen sehr lieben Kommentar

      Gefällt mir

  5. einfachtilda sagt:

    Ach ja, das Meer und gerne immer wieder, aber auch andere Gewässer ziehen mich magisch an.
    Wunderschöne Bilderreihe.

    LG Mathilda ❤

    Gefällt mir

    • Silberdistel sagt:

      Mich ziehen andere Gewässer auch immer wieder an, aber dieses, besonders dieser Teil der Ostsee, ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich war lange nicht mehr dort, hatte dieses Stückchen Ostsee schon fast vergessen, aber nun ist alles wieder da. Schön war’s, das alles einmal wiederzusehen.
      Liebe Grüße auch an Dich, Mathilda ❤

      Gefällt mir

      • einfachtilda sagt:

        Da kann ich dich sehr gut verstehen, auch für mich gibt es so einen Ort, aber nicht am Meer…in der Stadt, doch es ist nicht mehr so wie früher 😦

        Gefällt mir

        • Silberdistel sagt:

          Dort am Meer ist es auch nicht mehr ganz so wie früher. Man muss während der Saison, um an den Strand zu kommen, Eintritt bezahlen, was ich irgendwie nicht so toll finde. Aber was soll’s, ich mag den Strand und das Meer jetzt ohnehin mehr außerhalb der Badesaison.
          LG an Dich

          Gefällt mir

  6. minibares sagt:

    Was für ein liebevoller Bericht, liebe Silberdistel.
    ich fühle mich, als sei ich dabei. Das Meer weit weg, so war es bei unserem Besuch am Meer in England auch, lach.
    Aber hier kam ja dann wohl die Flut.
    Denn Wasser ist ja ne Menge da. Die Fotos sind so schön, sie zeigen das. was du beschrieben hast.
    Großartig. Die weite See, ein Segler noch unterwegs.
    Die Reiter, traumhaft schön und dann noch die Angler.
    Ganz liebe Grüße Bärbel

    Gefällt mir

  7. katerchen sagt:

    grins..liebe Silberdistel das Bild von der Frau im Badeanzug und dem der Würmer plümert..GRINS.doll richtig doll
    Da treffen sich zwei Welten.
    Gedanken ..oh ich verstehe sehr was da abgelaufen ist,geht mir bei vielen Dingen auch so..

    LG vom katerchen aus den trüben Norden

    Gefällt mir

    • Silberdistel sagt:

      Ja, Katerchen, ich fand die beiden so nebeneinander auch lustig.
      Es ist schon interessant, was einem alles wieder einfällt, wenn man Orte, die mit so vielen Erlebnissen verbunden sind, nach langer Zeit wiedersieht. Da sind plötzlich Dinge wieder da, die man schon fast vergessen hatte.
      Liebe Grüße auch an Dich

      Gefällt mir

  8. kowkla123 sagt:

    Liebe Silberdistel, wünsche einen guten Tag, Klaus

    Gefällt mir

  9. eifeltussi sagt:

    Das hast Du wunderbar beschrieben. Mir kam auch direkt der Duft unserer Familiensonnencreme in die Nase. Schöne Erinnerungen sind das. Danke dafür und für die schönen Fotos – Gruß Elke

    Gefällt mir

    • Silberdistel sagt:

      Gern, liebe Elke, und danke für Deinen lieben Kommentar. Ist schon seltsam, wie die Erinnerungen purzeln, wenn man solche Orte aus dem früheren Leben wiedersieht. Aber doch irgendwie schön 🙂
      Einen lieben Gruß auch an Dich

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s