01Heute, am 10. Mai, ist hier im Bücherstaub wieder einmal ganz besonders geputzt und gewienert worden. Die Silberdistel hat den Staubwedel aus der Abstellkammer hervorgeholt und sich an die Arbeit gemacht, um all die vielen Bücher, die das silberdistelsche Heim zieren, von ihrem staubigen Wintermäntelchen zu befreien. Glänzen und strahlen sollen die Bücher heute. Das Buch hat nämlich noch einmal einen ganz besonderen Ehrentag – heute, am 10. Mai. Es darf den „Tag des Buches“ feiern. In der DDR war der 10. Mai auch als „Tag des freien Buch“ bekannt. Er wurde alljährlich aus Anlass der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland als Gedenktag  begangen. Ab 1983 feierte auch die Bundesrepublik den 10. Mai als Ehrentag für das Buch. Hier wurde er jedoch nur als „Tag des Buches“ bezeichnet.

Ich möchte diesen Tag gern zum Anlass nehmen, um einem meiner absoluten Lieblingsbücher hier am heutigen „Tag des Buches“ einen Platz im Bücherstaub einzuräumen, denn der Autor dieses Buches stand zur NS-Zeit, wie viele andere auch, auf der Liste der verfolgten und verbotenen Autoren. Es passt also zum heutigen Anlass ganz ausgezeichnet. Es ist ein Buch, das ich schon viele Male gelesen habe und das mich unwahrscheinlich beeindruckt und auch nach dem Lesen jeweils noch lange beschäftigt hat. Es handelt sich um Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“. Die Handlung des einzigen Romans, der aus Stefan Zweigs Feder stammt, spielt zu Beginn des Sommers 1914. Der junge Leutnant Anton Hofmiller wird eines Tages in das Haus der wohlhabenden Familie Kekesfalva eingeladen und lernt dort unter anderem auch die 17jährige Nichte des Hausherrn kennen, die seit vielen Jahren durch eine Erkrankung an Kinderlähmung in Kindertagen an den Rollstuhl gefesselt ist. Da dem Leutnant die Behinderung der jungen Frau im ersten Moment verborgen bleibt, fordert er sie bei einer kleinen Festlichkeit, zu der er geladen wurde, zum Tanz auf. Die junge Frau ist verletzt, verzweifelt und verwirrt. Als Anton Hofmiller seinen Fehler bemerkt, stürzt er entsetzt über sich und den furchtbaren Fehler, der ihm unterlaufen ist, aus dem Hause der Kekesfalva. Am anderen Tag entschuldigt er sich mit einem Blumengruß bei der jungen Frau, die wiederum nun die Entschuldigung des jungen Leutnants völlig falsch deutet. Im weiteren Verlauf verliebt sich Edith hoffnungslos in Anton Hofmiller, der allerdings nur aus Mitleid mit Edith und ihrem Schicksal, das sie an den Rollstuhl fesselt, immer wieder im Hause der Kekesfalvas erscheint. Im Laufe der Zeit werden die Besuche des jungen Militärs zu einem angenehmen Zeitvertreib für ihn und er meint sogar, damit Edith Gutes zu tun. Andererseits fühlt er sich sehr geschmeichelt, dass man ihm im Hause Kekesfalva fast grenzenlose Aufmerksamkeit entgegenbringt. 02Trotz der vielen Zeit, die Hofmiller mit Edith verbringt, entgeht ihm völlig, dass sich die junge Frau in ihn verliebt hat. Als sie ihm ihre Liebe gesteht, ist er erstaunt und fassungslos. Wie konnte eine behinderte junge Frau überhaupt derartige Gefühle hegen? So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Zweigs Roman ist in wunderbarer formvollendeter Sprache geschrieben. Er ist einfach große Literatur. Der Leser lebt und leidet mit jeder einzelnen Figur, man fühlt wie Edith, die um ihrer selbst geliebt werden möchte, man versteht aber auch Anton, der sich wohlfühlt in der Familie Kekesfalva und man versteht auch das Mitleid, das er der jungen Frau gegenüber empfindet und man erhofft sich letztendlich eine gute Lösung für beide, auch wenn diese unwahrscheinlich erscheint.  Zweig schaut mit seinem Roman tief in die menschliche Seele und führt uns vor Augen, was falsch verstandenes Mitleid anrichten kann.  Trotz seiner mehr als 450 Seiten ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend wie ein Krimi. Man mag es nicht aus der Hand legen. Wie oben erwähnt, habe ich es bereits mehrmals gelesen. Immer wieder hat mich Zweigs Sprachgewalt von Neuem begeistert und gefesselt. Es ist ein Buch, dass man ohne Pause durchlesen möchte, und wenn man es dann letztendlich doch aus der Hand legt, tut man es langsam und mit Bedacht, ein wenig ehrfurchtsvoll gar, so, als würde man etwas ganz Kostbares in Händen halten, das man einfach nicht fortlegen kann. Noch lange, nachdem man das Buch zugeschlagen hat, kreisen die Gedanken um Edith, um Anton Hofmiller, um Mitleid, das so sehr schmerzen kann – auf der einen wie auf der anderen Seite. Es ist eines des berührendsten  Bücher, das ich je gelesen habe. Wer es nicht kennt, sollte es unbedingt lesen. Ihr werdet es lieben.

Hier nun die vollständigen Angaben zu meiner Ausgabe des Romans von Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens : Roman. – 181.-190. Tsd. – Frankfurt am Main : Fischer, 1990. – 455 S. – (Fischer-Taschenbücher) – ISBN 3-596-21679-6

Kommentare
  1. katerchen sagt:

    quergelesen..hört sich sehr gut an
    DANKE für die Vorstellung
    LG vom katerchen

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  2. kowkla123 sagt:

    habe ich auch gelesen und im Bücherschrank, sei herzlich gegrüßt, Klaus

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  3. ann53 sagt:

    Das ist ja wirklich sehr interessant liebe Silberdistel und dieses Buch bestimmt auch sehr interessant zu lesen! Fehlt noch in meinem Bücherschrank und mal sehn……..
    Liebe Grüße und noch ein richtig schönes Wochenende wünsche ich dir von Herzen ❤

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    • Silberdistel sagt:

      Mir hat das Buch sehr gefallen und wie ich bereits im Beitrag geschrieben habe, ich hab’s sogar schon mehrmals gelesen. Ich kann es ohne Wenn und Aber weiterempfehlen, es ist ein wirklich lesenswertes Buch.
      Liebe Grüße auch an Dich und eine schöne neue Woche ❤

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  4. Strandsigi sagt:

    Liebe silberne Bücherdistel 😉
    Danke für die schöne Buchvorstellung,das werde ich mir merken,
    möchte ich auch lesen.

    Liebe Grüße, und Dir und allen anderen Muttis einen schönen Muttitag 🙂

    Sigi

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    • Silberdistel sagt:

      Gern, liebe Sigi 🙂 Ja, das solltest Du mal lesen. Es ist ein echt lesenswertes Buch, wie schon im Beitrag gesagt, ist es eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Ich hatte es mir das erste Mal aus der Bibliothek ausgeliehen, MUSSTE es mir dann aber doch kaufen. Das durfte in meinem eigenen Bücherschrank nicht fehlen.
      Liebe Grüße zurück und danke für die Grüße zum Muttitag 🙂

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  5. […] Silberdistel hat einen ihrer Bücherschätze entstaubt und verspricht, wir werden ihn lieben, nämlich Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig. Meine Lektüre liegt schon so lange zurück, dass ich keine konkreten Erinnerungen mehr habe. […]

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  6. Xeniana sagt:

    Eine schöne Buchvorstellung! Ich habe dieses Buch vor langer Zeit gelesen und genauso berührt wie du.LG Xeniana

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    • Silberdistel sagt:

      Dieses Buch ist für mich eines der besten Bücher überhaupt. Ich hatte es mir ursprünglich aus der Bibliothek ausgeliehen, MUSSTE es dann aber unbedingt besitzen. So habe ich es mir kurze Zeit später gekauft. Alle paar Jahre lese ich es immer wieder einmal. Das Buch hat für mich bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Es ist für mich ein äußerst beeindruckendes und gefühlvolles Werk.
      LG an Dich

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  7. Frau Hummel sagt:

    Ich habe mir heute nach dem Frühstück ein wenig Zeit genommen und den Anfang des Buches gelesen (dem Internet sei Dank). Ich bin bis zur Stelle gekommen, wo er die Tochter des Hauses zum Tanz auffordert… schade, dass ich nicht weiter lesen konnte. Es ist gut geschrieben und trotz der mir ein wenig fremden Ausdrucksweise, leicht zu lesen. Nun bin ich am überlegen, ob ich es mir auch kaufe :roll:. Ich las, dass der Autor des Buches seinem Leben durch Suizid ein Ende setzte und frage mich, ob er wohl schon zur Zeit, als er das Buch schrieb, mit diesem Gedanken gespielt hat?!

    Eine interessante Rezension, liebe Silberdistel. Danke dafür. Liebe Grüße von der neugierig gewordenen Frau Hummel ♡

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    • Silberdistel sagt:

      Vielleicht gibt es ja irgendwo in Deiner Nähe eine Bibliothek, die es Dir leicht macht, das Buch weiterlesen zu können 😉
      Ja, Stefan Zweig hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Im Grunde war er wohl unglücklich, weil er fern seiner geliebten Heimat leben musste, fern von Freunden und sich so irgendwie unendlich hilflos vorkam. Er ist unter anderem wohl an seiner Zeit zerbrochen, die damals ja besonders für die Juden schwer und gefährlich war.
      Schön übrigens, dass Du neugierig auf das Buch geworden bist 🙂
      Liebe Grüße an Dich

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  8. FrauFrisch sagt:

    Das ist eines der Bücher, das ich beim Umzug nicht aussortiert und weggegeben habe. Nun „langweilt“ es sich irgendwo im Lager in irgendeiner Umzugskiste und wird noch lange im Dunkeln warten müssen, bis die Regale gebaut sind. Ein Haus ohne Bücher momentan. Das hatte es noch nie in meinem Leben gegeben. Ach ja, ich mag Zweig.
    Lieber Gruß
    Ele

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    • Silberdistel sagt:

      Irgendwann werden die Bücher sicher auch ihren Platz in Eurem Haus finden. Ich erinnere mich noch an unseren letzten Umzug. Da stapelten sich die Bücher überall im Haus, weil auch noch die Regale fehlten. Ein Haus ganz ohne Bücher, da würde mir etwas fehlen. Das gab es in meinem Leben wohl überhaupt noch nicht. Aber bei Euch sind sie ja im Grunde dennoch da, sie gönnen sich momentan nur eine kleine Ruhepause. Nach einem solchen Umzug entdeckt man viele Bücher noch einmal neu. Mir ging es immer so. Da habe ich mich beim Einsortieren in die Regale so manches Mal festgelesen, es war irgendwie immer wie ein spannendes großes Abenteuer.
      Liebe Grüße und ganz viel Freude in Eurem neuen Heim und irgendwann auch wieder mit den Büchern, die vorerst noch schlummern müssen 😉

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  9. Pauline sagt:

    Lese ich seit 1970 (!) immer und immer wieder, liebe Silberdistel und jedes Mal wieder bin ich tief berührt ♥
    Ganz liebe Grüße von der ♥ Pauline ❤

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    • Silberdistel sagt:

      Wie mich das freut, liebe Pauline, dass Dir „Ungeduld des Herzens“ auch so sehr gefällt. Ich könnte gar nicht sagen, wie oft ich das Buch schon gelesen habe. Ich bin wie Du immer wieder tief berührt. Es ist für mich schon ein einzigartiges Buch.
      Danke für Deinen Kommentar und ganz liebe Grüße an Dich und Dein Hundchen ♥♥

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      • Pauline sagt:

        Stimmt, liebe Silberdistel: einzigartig 😉
        Wünsche Dir einen schönen sonnigen Tag, den Du hoffentlich im Garten mit Deinen Katern verbringst. GLG von der ♥ Pauline ❤ die heute absolut NIXX tut, außer mit Hundchen Runden drehen …

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        • Silberdistel sagt:

          Absolut nix tun, das ist auch mal etwas Schönes. Ich habe am letzten Wochenende an der Gartenvogelzählung des NABU teilgenommen. Das war ein wunderschönes Nixtun 😉 Ich habe zu meinem Herrn Silberdistel gesagt, das sollte man öfter tun, eine ganze Stunde lang nur schauen und sonst nichts, außer vielleicht einen Strich auf eine Vogelliste setzen.
          Liebe Grüße an Euch beiden Faulenzer ❤

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