Wie gestern versprochen, gibt es hier heute blauen Himmel und Sonnenschein über blauem Nass zu sehen. Vor einer Woche war ich schon einmal auf dieser Sehbrücke in Wismar. An jenem Tag regnete es, der Wind blies dem Besucher der Brücke unangenehm kalt ins Gesicht, alles war grau und hässlich, kaum Sicht. Egal, ob man in Richtung Meer oder in Richtung Land schaute, die Welt war in ein Einheitsgrau getaucht. Es gab ganz einfach nichts zu sehen auf dieser Sehbrücke. Während ich versuchte, mit meinen Augen den Dunst zu durchdringen, ging mir plötzlich ein winziges Lichtlein auf, das den Tag allerdings auch nicht heller machte, mir aber eine kleine Erkenntnis brachte. Es handelte sich bei dieser Brücke nicht wirklich um eine Sehbrücke, von der aus man die Welt ringsum betrachten konnte. Zu sehen war hier einfach rein gar nichts – nur graue, kalte Feuchtigkeit, die uns der Wind immer wieder heftig um die Ohren schlug. Waren wir tatsächlich auf einer Seebrücke, wie es das Schild am Anfang des langen Holzbohlensteges sagte? Wohl ja, denn die Nässe war überall – unter, vor, hinter und über uns – fast bedrückend. Eine Sehbrücke hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte mit Hilfe der Brücke mitten im Meer stehen und in die unendliche Ferne schauen können, auf das Ende der Welt. War die Welt wirklich so klein? Sie verschwand unweit der Brücke, nur wenige See(h)meter von uns entfernt, in Regen- und Dunstschwaden. Ob dort schon das Ende der Welt war? An diesem besagten Tag erschien es mir fast so. Die Welt war klein, unsagbar eng und traurig.

Nun, eine Woche später stehe ich wieder hier und plötzlich habe ich meine Sehbrücke. Bis ans Ende der Welt kann ich zwar auch jetzt nicht schauen, denn zwischen meiner Sehbrücke und dem Ende der Welt liegen zwei Inseln – der Walfisch und die Insel Poel. Nur erahnen konnte man vor einer Woche die kleine Vogelschutzinsel. Von der Insel Poel war nicht einmal etwas zu erahnen. Trotz dieser beiden Inseln, die mich heute vom Ende der Welt trennen, sehe ich eine ganze Menge – blaue See, blauen Himmel, Schaumkronen, Möwen, weiße Schwäne, ganz in der Ferne den Kirchturm, der dem kleinen Dorf auf der Insel Poel seinen Namen gab, Bäume, Sträucher, das Grün der Inseln. Ich habe einen wunderschönen Blick auf die Wismarer Altstadt mit ihren Kirchen, die letztens kaum aus dem Dunst hervorstach und auf die Wismarer Hafenanlagen. Welch wunderschöne Farbe das Meer heute hat. Es zeigt sich heute von seiner besten Seite, so als hätte es etwas gutzumachen. Wie lustig die kleinen Schaumkronen auf dem dunklen Blau aussehen. Ich kann mich gar nicht sattsehen an dieser Farbenfülle. … und als kleines i-Tüpfelchen entdecke ich wenig später sogar unser Stockentenpaar von der vorigen Woche. Die beiden Wasservögel haben einander offensichtlich immer noch lieb, die graue Welt der letzten Woche scheint vergessen. Heute stehen sie nicht so unbeweglich, aufgeplustert und frierend im Wasser wie bei unserem letzten Treffen. Heute paddeln sie fröhlich durchs flache Wasser, tauchen hier und tauchen dort, ab und zu wechseln sie einen Blick und ein paar kurze Laute miteinander und paddeln vergnügt weiter. Oder scheint es mir nur so, als würden sie miteinander sprechen? Hat der Wind mir das eben etwa vorgegaukelt? Auch heute schlägt der windige Geselle uns kräftig um die Ohren, fast stürmisch, und reißt Worte, die wir sprechen, fort, bläst sie hinaus aufs Meer, wo sie irgendwann und irgendwo ins Wasser fallen, tauchen, als Blubberblasen wieder aus dem kühlen Nass emporsteigen und erneut über den Wellen dahinrasen. Der Wind lässt ihnen keine Ruhe, jagt lachend, tosend und pfeifend hinter ihnen her. Wo mögen sie landen? Im Meer? Irgendwo an einem Strand? Im Schilf, wo der Wind sich öfter ausruht? Auf dem Meeresboden, wo sie sich im dichten Pflanzenwald verfangen oder ganz einfach im feinen weichen Sand liegenbleiben und den Fischen bei ihrem fröhlichen Spiel zuschauen? Vielleicht fliegen sie auch auf ein Schiff, das sie mit in die weite unendliche Ferne nimmt. Wäre das nicht schön? Könnten sie so nicht wundervolle Abenteuer erleben? … und vielleicht treffen wir sie bei einem unserer Strandspaziergänge sogar wieder und dann erzählen sie uns von ihren aufregenden Abenteuern. Möglich, dass sie sogar die Worte der beiden Enten auf ihrer Reise über die Meere getroffen haben. Vielleicht kann ich ja dann erfahren, was die Enten zu beschnattern hatten.

Immer noch schaue ich versonnen auf das glitzernde Wasser und die beiden Enten, als mich ein Schwan aus meinen Träumen reißt. Er fliegt ganz flach über den beiden Enten hinweg, unter meiner Traumbrücke hindurch und landet ein Stückchen weiter hinter zwei anderen Schwänen, die empört mit den Flügeln zu schlagen beginnen, sich aufrichten, aufs Wasser treten, mehr und mehr in Schwung geraten und sich wenig später wie der Schwan eben, in die Lüfte erheben und davonfliegen. Noch lange schaue ich ihnen hinterher. Ich sehe, wie sie wieder an Höhe verlieren und sich in der Ferne auf dem glitzernden Wasserteppich erneut niederlassen.

Nur ungern trenne mich von dem schönen Naturschauspiel, das die Schwäne eben boten und laufe hinter meiner Begleitung hinterher. In der Ferne schimmert die Gaststätte „Seeblick“, in der wir uns heute allerdings nicht aufwärmen müssen, durch die noch kahlen Bäume. Heute ist uns trotz Wind warm und wohlig und das Grau der letzten Woche gerät ein wenig in den Hintergrund. Wir freuen uns auf den Kuchen, der zuhause auf uns wartet. Es war schön auf der Se(e)hbrücke, einer Brücke, die sogar Geschichten erzählen kann.

Für Diashow eines der Bilder anklicken!

Kommentare
  1. einfachtilda sagt:

    Ganz wundervolle Fotos und so ein wundervolles Wochenende wünsche ich dir.

    LG Mathilda ♥

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  2. bayernpauline sagt:

    Liebe Silberdistel, eine wunderbare Geschichte mit den passenden schönen Fotos dazu.
    Wünsche Dir ein schönes Wochenende und liebe Grüße von Pauline 😀

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  3. kowkla123 sagt:

    du hast viele schöne Bilder um die Seebrücke herum gefunden, toll, mache es gut, Klaus

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  4. luiselotte sagt:

    Wow….so schöne Bilder! Ich freue mich mit dir über den Fund dieser wertvollen Schätze!
    Liebe Grüße, Luiserl ♥

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  5. Ich bin auch wieder sehr angetan von deinen Fotos und ebenso von deiner Beschreibung der Umgebung (Wind, Wetter, Wesen, Stimmung …alles). Es ist schön, das Gefühl zu haben, man stände ebenfalls auf der Brücke.
    Wie klar das Wasser teilweise ist? Wie das Wasser von Bächen im Gebirgen … Einmalig!

    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir!
    LG Michèle

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    • Silberdistel sagt:

      Schön, dass Du mich auf meiner Entdeckungsreise am kühlen blauen Nass begleitet hast. Das Ostseewasser ist wirklich oft so klar, besonders in den flachen Bereichen kann man das gut sehen. Ich mag das sehr, wenn man bis zum Grund sehen kann. Als Kind bin ich stundenlang mit Schnorchel und Taucherbrille im Wasser umhergepaddelt und habe mir den Meeresgrund angeschaut. Man glaubt gar nicht, was es da alles zu sehen gibt. Das geht natürlich auch alles nur, wenn das Wasser klar ist. Schön ist es auf der Insel Poel – herrliche Strände, wunderbar klares Wasser, weißer Sand. Das Wasser in der Bucht bei Wismar ist eher selten so klar wie es jetzt am Donnerstag war. Das hat selbst mich etwas überrascht.
      Danke für die Wochenendwünsche, auch für Dich ein schönes Wochenende

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  6. wolke205 sagt:

    Die Fotos sind wieder wunderschön und total beruhigend ♥ Liebe Grüße und ein schönes Wochenende 🙂

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    • Silberdistel sagt:

      Danke 🙂 Schön, dass sie Dir gefallen haben. Ja, Du hast recht, auf mich wirkt das Meer auch immer irgendwie beruhigend, besonders wenn es so wunderschöne Farben zeigt wie dieses Mal.
      Liebe Grüße zurück und auch Dir ein schönes Wochenende

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  7. Frau Hummel sagt:

    Kaum zu glauben, dass es sich um dieselbe Se(h)ebrücke handeln soll, es sieht bei schönem Wetter doch alles viel freundlicher aus. Den Schwedenkopf finde ich sehr interessant, muss mal schauen, ob mich Google ein wenig aufklären kann über ihn *lach*. So habe ich das Meer auch sehr gern. Herrliche Farben und ich bekomme schon wieder richtig Lust ans Wasser zu fahren *lach*. In der nächsten Woche werde ich allerdings erst einmal Hessen ein wenig unsicher machen *freu*. LG schickt Dir Frau Hummel.

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  8. Frau Hummel sagt:

    Ja, ich weiß, aber doch erst im Mai, oder!?

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  9. Frau Hummel sagt:

    Okay, das mach ich sehr gern 🙂

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  10. katerchen sagt:

    Hallo liebe Silberdistel
    so eine Brücke ein Steg..ist so toll wie Taschenlampenaugen..
    WAS du alles gehen hast..toll ganz nah an der Sache und immer anders in jedem Moment..wie der Himmel über uns.
    Die Dalbe mit dem Kopf,das ist schon sehr BEONDERS für mich.
    Bei uns in der Zeitung waren vor ein paar Tagen Bilder von einer brennenden Dalbe/Poller wie man es nennen mag Es wir gerätselt WIE das sein konnte.
    einen LG zum Sonntag vom katerchen der sich sehr über diesen schönen Beitrag in Wort und BILD gefreut hat.

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    • Silberdistel sagt:

      Da muss ich Dir zustimmen, Katerchen, ein solcher Steg ins Meer hinein hat ebensolche Faszination wie Taschenlampenaugen.
      Diese Schwedenköpfe an der Wismarer Hafeneinfahrt finde ich immer wieder schön. Man kann Kopien davon auch noch an anderen Orten in Wismar selbst finden, denn diese dort, die ich von der Seebrücke aus fotografiert habe, kann man ja nur aus der Nähe bewundern, wenn man mit einem Schiff daran vorüberfährt oder sie mit einem guten Fernglas betrachtet. Ein Fotoapparat mit Zoom bringt uns diese beiden Köpfe natürlich auch recht nah.
      Wie kann denn eine Dalbe brennen? Da muss doch jemand nachgeholfen haben. Oder wo stand sie? Es sei denn, der Blitz schlägt ein. Schon irgendwie seltsam, oder? Halte mich mal auf dem Laufenden, ob das Rätsel noch gelöst wird.
      Liebe Grüße zurück und einen schönen sonnigen Sonntag. Die Katzen liegen draußen in der Sonne und genießen 🙂 Ich leg mich gleich zu ihnen 😉

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      • katerchen sagt:

        man hatte gemeint ein Nest hat dort einen Funken(von wo?) erwischt..
        liebe Silberdistel vom Bild her stand die Dalbe mitten im Wasser.Funkenflug von einem Schiff..oder so eine Zigarettenstummel glaube ich .
        LG vom katerchen

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        • Silberdistel sagt:

          Da muss ja dann jemand seinen Zigarettenstummel sehr zielsicher geworfen haben oder es war halt nur ein dummer Zufall und der Stummel ist dort unabsichtlich gelandet. Rundum Wasser, was kann da schon passieren, sollte man denken. Da ist es wohl ganz weitsichtig gewesen, dass die eine Dalbe, die ich fotografiert habe, ein Blechhütchen trägt 😉
          LG zurück und danke für die Info

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