Die Brille – erster Teil

Veröffentlicht: 5. Juli 2011 in Alltägliches, Lesehilfen, Lesen, Unterhaltendes
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Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass man irgendwann im schon etwas vorangeschrittenen Leben eine Lesebrille braucht. Und es ist ebenso menschlich, wenn man versucht, den Zeitpunkt, zu dem man auf Gedeih und Verderb auf so ein Hilfslesezeug angewiesen ist, vor sich herzuschieben. Den meisten Menschen gelingt das auch erstaunlich lange. Ohne Fernbrille kommt man durchaus weitaus länger durchs Leben als ohne Lesebrille. Man erkennt zwar den freundlich grüßenden Herrn auf der anderen Straßenseite nicht mehr als einen lieben Bekannten, aber das macht nichts, man muss ihn ja nicht gesehen haben, weil man so in Gedanken versunken war. Wenn man direkt angesprochen wird, erkennt man den vermeintlich Unbekannten ohnehin meistens an der Stimme. Wenn dieser große Unbekannte einem aber nur zuwinkt und nichts sagt oder wenig sagt, sieht die Sache schon anders aus. Da rätselt man unter Umständen noch tagelang herum, wer das wohl neulich gewesen ist, der da so mit den Armen herumgefuchtelt hat und ein kurzes Hallo rief. Die Stimme, ja, irgendwie kam sie mir bekannt vor. Wenn er doch nur ein paar Worte mehr gesprochen hätte! Wie es der Zufall so will, löst sich manch Rätsel irgendwann dann doch noch auf. Eines schönen Tages treffe ich Hannes nämlich in meiner Mittagspause. Beinahe wäre ich mit ihm zusammengestoßen. Er packt mich links und rechts an der Schulter, schiebt mich ein wenig von sich und blickt mich strahlend an: „Du siehst wohl überhaupt keinen mehr!“ „Ich? Wieso?“ „Hat der Kuchen geschmeckt?“, fragt Hannes. „Welcher Kuchen?“ „Na, der, den Du neulich gegessen hast, als Du auch hier an der Ampel standest.“ Langsam dämmert da was in meinem Hirn: „Ach Du warst das?!“ „Ja, sicher, hast Du mich nicht gesehen?“ „Do .. do.. doch, doch, ich war nur etwas in Gedanken versunken.“ „Aha!“, lacht er. „Du brauchst wohl eine Brille? Geh mal zum Optiker!“ Ich lächle verunsichert. Hannes sagt: „Bis dann, muss schnell wieder in die Firma, hab‘ mir nur was zu essen geholt.“ … und weg ist er. Ich stehe da und denke: „Vielleicht sollte ich meine neue Gleitsichtbrille doch aufsetzen, auch wenn ich denke, dass sie mir überhaupt … nein … absolut gar nicht steht. Ich hatte den Optiker halb zum Wahnsinn getrieben, weil ich mich für keines seiner angepriesenen Brillenmodelle entscheiden konnte. Schließlich fand ich nach gefühlten Stunden dann eines, mit dem ich mich so leidlich anfreunden konnte. Als ich dann später die fertige Brille ausprobierte, wunderte ich mich, dass ich doch nicht ganz so schlimm damit aussah, wie ich angenommen hatte. Aber erst einmal musste es reichen, wenn ich sie nur zur Arbeit in der Bibliothek trug. Da war das nicht so schlimm, weil … die meisten Bibliotheksleute tragen Brillen. Da fällt man eigentlich gar nicht weiter auf. Aber draußen in der freien Wildbahn könnte man ja Freunde und Bekannte treffen, die das neue Leiden „Brille“ noch nicht kennen. Wie unangenehm und peinlich! Also, Brille bleibt in der Tasche! Fertig!

… obwohl es  eben auch irgendwie unangenehm war mit Hannes, dass er doch mit seinen Worten den Nagel genau auf den Kopf getroffen hatte. Vielleicht sollte ich die Brille doch aufsetzten. Die Optikerin hatte mir ohnehin prophezeit, dass man irgendwann die Nase voll hätte von diesem dauernden Auf- und Absetzen der Brille. Sie spräche da aus eigener Erfahrung. Da hatte ich noch gedacht: „Jaja, Du vielleicht …, denk mal nicht, dass ich mir jetzt hier draußen die Blöße gebe und diese Brille aufsetze. Das ist mir ja dann doch irgendwie zu peinlich.“ Inzwischen habe ich die leise Ahnung, das sie vielleicht doch ein ganz klein wenig recht haben könnte, aber wirklich nur ein ganz klein wenig. Na gut, aber erst ab morgen … oder übermorgen … oder … so …

Einige Tage nach diesem „Hannes-Ereignis“ musste ich die Brille aus meiner Tasche kramen, als ich im Supermarkt beim Einkaufen war, weil ich da etwas nicht lesen konnte, es aber unbedingt lesen wollte. Ich las und vergaß die Brille auf meiner Nase, rannte fröhlich im Markt umher, sammelte meine Einkäufe ein und wunderte mich nicht einmal, warum ich heute alles so gut sehen konnte. An der Kasse packte ich meine Einkäufe ein und machte mich auf den Weg zurück in die Bibliothek. Ich musste mich beeilen, es hatte alles etwas länger gedauert. Meine Mittagspause war gleich um. Etwas hektisch stürmte ich aus der Drehtür und …. ja, genau, laufe wieder Hannes in die Arme. Dieses Mal erkenne ich ihn sofort und plötzlich weiß ich auch warum. Ich habe meine Brille noch auf. Hannes lacht mich an und sagt: „Steht Dir gut!“ „Mir? Was, was meinst Du?“ „Na, Deine neue Brille. Schön, dass Du meinem Vorschlag gefolgt bist.“ „Vorschlag, gefolgt?“ „Na, dem mit der Brille! Steht Dir gut, hab’s eilig! Wenigstens erkennst Du mich jetzt immer!“, lacht er und ist fort. Ich stehe etwas betreten da und denke: „Erwischt!“ und gehe zurück in meine Bibliothek und an meinen Arbeitsplatz, ohne zwischendurch die Brille wieder in meiner Tasche verschwinden zu lassen. … und es war mir plötzlich völlig egal, das mit der Brille, und peinlich war sie mir auch nicht mehr, komisch irgendwie. Hatte Hannes mich jetzt geheilt von diesem neuen Leiden, das da Brille hieß? Naja, wenn sie mir doch auch irgendwie steht … ? Hat er gesagt, ja, na dann … dann kann ich sie auch aufbehalten. Ist sowieso besser als ewig dieses Gesuche in der Tasche und überhaupt … Wie konnte ich nur so albern sein?

Kommentare
  1. kuddels sagt:

    Stimmt!!!!

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  2. Lieber Brille und lesen können, als ohne meine Lieblingsbeschäftigung zu leben.

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    • Silberdistel sagt:

      Naja, die Lesebrille war nicht so sehr mein Problem, denn mir geht es auch so, dass ich aufs Lesen nicht verzichten möchte. Außerdem hätte ich dann auch auf meine Arbeit verzichten müssen, weil da irgendwann die Arme schlicht und einfach zu kurz waren beim Lesen. 😉 Zu meinem Beruf gehört nun mal das Lesen dazu, und wenn es nur Signaturschilder sind 😉

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  3. sanetes sagt:

    Kann ich ehrlich nicht verstehen. Ich fühle mich ohne (perfekt angepasste) Brille sowas von elend, hilflos, verlassen, unsicher, dass ich nie auf den klaren Durchblick verzichten würde. Darüber hinaus finde ich Brillen schick und würde ein Vermögen für eine kleine aber feine modische Kollektion ausgeben, wenn ich eins hätte.

    Brillen aussuchen ist ein bisschen blöd, denn ich seh ja nichts. Bisher hatte ich mit den Optikern, die mir geholfen haben aber immer Glück.

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    • Silberdistel sagt:

      Ja, so unterschiedlich ist das. Wenn man aber bis zu einem gewissen Zeitpunkt immer perfekt sehen konnte, ist es ungemein schwierig, sich mit dieser neuen Situation anzufreunden, obwohl einem im Grunde nichts anderes übrig bleibt. Inzwischen sehe ich das nicht mehr so eng, weil es einfach nicht mehr ohne geht. Aber das Aussuchen der Brille ist immer noch schlimm, eben weil man eigentlich nicht so richtig sieht, was man da aussucht. Da ist man ja dem Optiker auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Vielleicht muss ich mal Deinen Optiker aufsuchen. Mit meinem letzten war ich gar nicht zufrieden. Ich weiß nicht, was ich gekauft hätte, wenn mich nicht mein Mann gerettet hätte.

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  4. sanetes sagt:

    Es hilft, wenn man Erfahrung beim Aussuchen hat, sonst ist unbedingt eine stilsichere Begleitung nötig, wenn man noch keinen Optiker des Vertrauens gefunden hat. Tragekomfort find ich auch wahnsinnig wichtig. Ich hab extradünne Kunststoffgläser dadurch ist die Brille ist ganz leicht. Meine Sonnenbrille ist deutlich schwerer. Jeden Tag den ganzen Tag würde ich damit nicht rumlaufen wollen.

    Meine Lieblingsbrille hatte eine blassgrüne / blassviolette Fassung mit netten Details an den Bügeln und getönte Gläser mit Farbverlauf, oben grün, unten klar. Ich war ganz traurig als die Gläser irgendwann so verkratzt waren (trotz Beschichtung), dass ich eine neue brauchte.

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